Brüder Grimm - Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich
In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön, aber die jüngste war so schön, daß die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich verwunderte, sooft sie ihr ins Gesicht schien. Nahe bei dem Schlosse des Königs lag ein großer dunkler Wald, und in dem Walde unter einer alten Linde war ein Brunnen; wenn nun der Tag recht heiß war, so ging das Königskind hinaus in den Wald und setzte sich an den Rand des kühlen Brunnens; und wenn sie nicht recht wusste was sie spielen sollte und niemand da war, so nahm sie eine goldene Kugel, warf sie in die Höhe und fing sie wieder; und das war ihr liebstes Spielwerk.
Nun trug es sich einmal zu, daß die goldene Kugel der Königstochter nicht in ihr Händchen fiel, das sie in die Höhe gehalten hatte, sondern vorbei auf die Erde schlug und dann in den Brunnen fiel. Die Königstochter folgte ihr mit den Augen nach, aber die Kugel verschwand, und der Brunnen war tief, so tief, daß man keinen Grund sah. Da fing sie an zu weinen und weinte immer lauter und konnte sich gar nicht trösten. Und wie sie so klagte, rief ihr jemand zu: »Was hast du vor, Königstochter, du schreist ja, daß sich ein Stein erbarmen möchte.« Sie sah sich um, woher die Stimme käme, da erblickte sie einen Frosch, der seinen dicken häßlichen Kopf aus dem Wasser streckte. »Ach, du bist's, alter Wasserpatscher«, sagte sie, »ich weine über meine goldene Kugel, die mir in den Brunnen hinabgefallen ist.« »Sei still und weine nicht«, antwortete der Frosch, »ich kann wohl Rat schaffen, aber was gibst du mir, wenn ich dein Spielwerk wieder heraufhole?« »Was du haben willst, lieber Frosch«, sagte sie, »meine Kleider, meine Perlen und Edelsteine, auch noch die goldene Krone, die ich trage.« Der Frosch antwortete: »Deine Kleider, deine Perlen und Edelsteine, und deine goldene Krone, die mag ich nicht; aber wenn du mich liebhaben willst, und ich soll dein Geselle und Spielkamerad sein, an deinem Tischlein neben dir sitzen, von deinem goldenen Tellerlein essen, aus deinem Becherlein trinken, in deinem Bettlein schlafen: wenn du mir das versprichst, so will ich hinuntersteigen und dir die goldene Kugel wieder heraufholen.« »Ach ja«, sagte sie, »ich verspreche dir alles, was du willst, wenn du mir nur die Kugel wiederbringst.« Sie dachte aber: Was der einfältige Frosch schwätzt, der sitzt im Wasser bei seinesgleichen und quakt und kann keines Menschen Geselle sein.
Der Frosch, als er die Zusage erhalten hatte, tauchte seinen Kopf unter, sank hinab, und über ein Weilchen kam er wieder heraufgerudert, hatte die Kugel im Maul und warf sie ins Gras. Die Königstochter war voll Freude, als sie ihr schönes Spielwerk wieder erblickte, hob es auf und sprang damit fort. »Warte, warte«, rief der Frosch, »nimm mich mit, ich kann nicht so laufen wie du.« Aber was half ihm, daß er ihr sein quak, quak so laut nachschrie, als er konnte! Sie hörte nicht darauf, eilte nach Haus und hatte bald den armen Frosch vergessen, der wieder in seinen Brunnen hinabsteigen mußte.
Am andern Tage, als sie mit dem König und allen Hofleuten sich zur Tafel gesetzt hatte und von ihrem goldenen Tellerlein aß, da kam, plitsch, platsch, plitsch platsch, etwas die Marmortreppe heraufgekrochen, und als es oben angelangt war, klopfte es an der Tür und rief: »Königstochter, jüngste, mach mir auf.« Sie lief und wollte sehen, wer draußen wäre, als sie aber aufmachte, so saß der Frosch davor. Da warf sie die Tür hastig zu, setzte sich wieder an den Tisch, und war ihr ganz angst. Der König sah wohl, daß ihr das Herz gewaltig klopfte, und sprach: »Mein Kind, was fürchtest du dich, steht etwa ein Riese vor der Tür und will dich holen?« »Ach nein«, antwortete sie, »es ist kein Riese, sondern ein garstiger Frosch.« »Was will der Frosch von dir?« »Ach lieber Vater, als ich gestern im Wald bei dem Brunnen saß und spielte, da fiel meine goldene Kugel ins Wasser. Und weil ich so weinte, hat sie der Frosch wieder heraufgeholt, und weil er es durchaus verlangte, so versprach ich ihm, er sollte mein Geselle werden, ich dachte aber nimmermehr, daß er aus seinem Wasser heraus könnte. Nun ist er draußen und will zu mir herein.« Indem klopfte es zum zweitenmal und rief:
»Königstochter, jüngste, mach mir auf, weißt du nicht, was gestern du zu mir gesagt bei dem kühlen Brunnenwasser? Königstochter, jüngste, mach mir auf.«
Da sagte der König: »Was du versprochen hast, das mußt du auch halten; geh nur und mach ihm auf.« Sie ging und öffnete die Türe, da hüpfte der Frosch herein, ihr immer auf dem Fuße nach, bis zu ihrem Stuhl. Da saß er und rief: »Heb mich herauf zu dir.« Sie zauderte, bis es endlich der König befahl. Als der Frosch erst auf dem Stuhl war, wollte er auf den Tisch, und als er da saß, sprach er: »Nun schieb mir dein goldenes Tellerlein näher, damit wir zusammen essen.« Das tat sie zwar, aber man sah wohl, daß sie's nicht gerne tat. Der Frosch ließ sich's gut schmecken, aber ihr blieb fast jedes Bißlein im Halse. Endlich sprach er: »Ich habe mich satt gegessen und bin müde, nun trag mich in dein Kämmerlein und mach dein seiden Bettlein zurecht, da wollen wir uns schlafen legen.« Die Königstochter fing an zu weinen und fürchtete sich vor dem kalten Frosch, den sie nicht anzurühren getraute und der nun in ihrem schönen reinen Bettlein schlafen sollte. Der König aber ward zornig und sprach: »Wer dir geholfen hat, als du in der Not warst, den sollst du hernach nicht verachten.« Da packte sie ihn mit zwei Fingern, trug ihn hinauf und setzte ihn in eine Ecke. Als sie aber im Bett lag, kam er gekrochen und sprach: »Ich bin müde, ich will schlafen so gut wie du: heb mich herauf, oder ich sag's deinem Vater.« Da ward sie erst bitterböse, holte ihn herauf und warf ihn aus allen Kräften wider die Wand. »Nun wirst du Ruhe haben, du garstiger Frosch.«
Als er aber herabfiel, war er kein Frosch, sondern ein Königssohn mit schönen und freundlichen Augen. Der war nun nach ihres Vaters Willen ihr lieber Geselle und Gemahl. Da erzählte er ihr, er wäre von einer bösen Hexe verwünscht worden, und niemand hätte ihn aus dem Brunnen erlösen können als sie allein, und morgen wollten sie zusammen in sein Reich gehen. Dann schliefen sie ein, und am andern Morgen, als die Sonne sie aufweckte, kam ein Wagen herangefahren, mit acht weißen Pferden bespannt, die hatten weiße Straußfedern auf dem Kopf und gingen in goldenen Ketten, und hinten stand der Diener des jungen Königs, das war der treue Heinrich. Der treue Heinrich hatte sich so betrübt, als sein Herr war in einen Frosch verwandelt worden, daß er drei eiserne Bande hatte um sein Herz legen lassen, damit es ihm nicht vor Weh und Traurigkeit zerspränge. Der Wagen aber sollte den jungen König in sein Reich abholen; der treue Heinrich hob beide hinein, stellte sich wieder hinten auf und war voller Freude über die Erlösung. Und als sie ein Stück Wegs gefahren waren, hörte der Königssohn, daß es hinter ihm krachte, als wäre etwas zerbrochen. Da drehte er sich um und rief:
»Heinrich, der Wagen bricht.« »Nein, Herr, der Wagen nicht, es ist ein Band von meinem Herzen, das da lag in großen Schmerzen, als Ihr in dem Brunnen saßt, als Ihr eine Fretsche (Frosch) wast (wart).«
Noch einmal und noch einmal krachte es auf dem Weg, und der Königssohn meinte immer, der Wagen bräche, und es waren doch nur die Bande, die vom Herzen des treuen Heinrich absprangen, weil sein Herr erlöst
Der goldene Becher
von Joachim Größer
„Anton, ich bin so aufgeregt! Ich schaff das nicht!“, flüsterte Martin seinem großen Bruder zu. Der antwortete ihm genauso leise: „Du machst den Ersten! Du schlägst sie alle! Du warst nicht nur der Beste deiner Klasse, sondern der ganzen Schule! Geh noch mal in Gedanken deine Geschichte durch und hör nicht auf die Erzählungen der anderen.“
Martin schloss die Augen. Fast schien es, er wäre eingeschlafen – wären da nicht seine Hände, die nervös seine „innere Erzählung“ begleiteten.
„Du bist dran!“, zischte Anton. „Martin! Du bist dran!“ Erst der dritte Aufruf und ein Puff in die Rippen ließen Martin hochschnellen. „Komme ich jetzt schon dran?“, fragte er erschrocken.
„Geh schon auf die Bühne! Los, beweg dich!“ Martin bekam noch einen brüderlichen Schubs und dann stolperte er auf die Bühne. Klein, hilflos, verlassen kam er sich vor.
„Was will ich hier? Warum habe ich mich nur gemeldet! Ich bekomme bestimmt kein Wort heraus!“ - So dachte der 10-jährige Martin. Dann hörte er ganz von fern her eine Stimme, die seinen Namen und seine Schule nannte. Und noch während der Ansager sprach, begann Martin mit seiner Erzählung. Das heißt, er glaubte zu sprechen. Zu hören war nur ein komisches Kratzen, ein Räuspern. Vielleicht kam das auch nur von seiner Hand, die das Mikrofon hielt und einfach das tat, was sie nicht tun sollte, nämlich sich vor Aufregung zu schütteln.
„So, nun lauschen wir der Erzählung des Martins, Schüler der 4. Klasse!“, sagte der Ansager. Martin räusperte sich ganz laut und begann seine Erzählung. Doch bereits nach zwei Sätzen kam ein Zuruf der Zuhörer: „Lauter! Wir verstehen dich nicht!“
Und so begann Martin zum dritten Male. Jetzt sprach er ruhiger und lauter, riskierte einen Blick zu seinem Bruder. Der nickte und strahlte übers ganze Gesicht. „Der Start ist also geglückt“, sagte sich Martin und seine Worte sprudelten jetzt nur so aus seinem Mund. Er erzählte und erzählte, wurde selbst zum Helden seiner märchenhaften Erzählung und als er mal wieder einen Blick in die Zuschauerreihen riskierte, sah er dort die Schüler der ersten und zweiten Klasse mit hochrotem Gesicht und aufgerissenen Augen ihm zuhören. „Jetzt bring ich die Geschichte zu Ende!“ Dieser Gedanke beflügelte ihn. Und er brachte seine Erzählung zu Ende. Donnernder Applaus, Füßegetrappel und einzelne Pfiffe sagten ihm: „Gut gemacht“
„Gut gemacht, Martin!“, sagte auf seinem Platz Anton und schlug seinem kleinen Bruder mächtig auf die Schulter. „Ich bin richtig stolz auf dich, Brüderchen!“
Während die Jury tagte, lief ein Zeichentrickfilm. So richtig genießen konnte Martin diesen Film, obwohl die Helden Tom und Jerry zu sehen waren, nicht. In Gedanken ging er noch mal seine Geschichte „Im Kopfe“ durch, prüfte, ob er nicht etwas vergessen hatte, stellte dann aber zufrieden fest: „Alles gesagt! Nichts vergessen!“ Später, auf dem Nachhauseweg meinte Anton dann sogar, dass er noch viele Ergänzungen während des Erzählens hineinfabuliert hätte. Er, Anton, kannte die Variante jedenfalls nicht.
Nun trat der Vorsitzende der Jury vor. Er begann mit dem dritten Platz. Martin war nicht dabei. Dann nannte er den zweiten Sieger. Wieder war Martin nicht dabei. Und auch zum Sieger dieses Erzählwettbewerbes wurde Martin nicht gekürt. Höflicher Applaus begleitete die drei Prämierten auf ihre Plätze. Enttäuscht stand Martin auf und wollte den Saal verlassen.
„Halt, Martin! Wohin?!“, rief der Vorsitzende der Jury. „Auf die Bühne, nicht nach draußen! Komm!“ Verwundert stolperte Martin auf die Bühne. „Was sollte er hier? Die anderen haben doch die Preise bekommen!“ Das waren seine Gedanken während er auf die Dielen der Bühne starrte. Wie vorhin hörte er nur von fern die Stimme des Vorsitzenden. Jetzt wurde sein Name genannt und was sagte der Mann da: „ Martin ist von allen 20 Mitgliedern der Jury zum Empfänger des Dichterlorbeers gekürt worden. Seine Erzählkunst war für sein Alter beeindruckend, seine selbst erfundene märchenhafte Erzählung hatte Witz, war logisch aufgebaut und es wurden keine bekannten Märchen kopiert. Herzlichen Glückwunsch Martin!“
Jetzt stand Martin mit hochrotem Kopf auf der Bühne. Ihm wurde ein grüner Lorbeerkranz aufgesetzt. Heftiger Applaus der Zuhörer bestätigten der Jury, dass der Richtige zum „Dichterkönig“ gekürt wurde. Alle Mitglieder der Jury gratulierten ihm. So viele Hände hatte er noch nie geschüttelt. Ganz zum Schluss kam ein kleiner alter Mann auf ihn zu. „Brav erzählt!“, murmelte er sehr leise, aber noch so laut, dass Martin ihn verstehen konnte. „Nimm diesen goldenen Becher als Lohn für deine Erzählung.“ Er reichte Martin den Becher und flüsterte dann so leise, dass Martin mehr erahnte, als dass er die Worte hörte. Und doch waren sie in seinem Kopf – die Worte des kleinen alten Manne mit dem weißen schütteren Bart: „Um Mitternacht drei Schluck Wasser aus diesem Becher getrunken und du reist in die Welt der Märchen. Drei Schluck beim ersten Hahnenkrähen und du wirst wieder in die Menschenwelt zurückkehren!“ Kaum war das letzte Wort gesagt, drehte sich der Alte um und verließ mit zittrigen Beinen die Bühne. Verwundert schaute ihm Martin nach.
Stolz trug Martin seinen Lorbeerkranz als Dichterkönig nach Hause. Doch immer wieder kamen ihm die Worte des Alten in den Sinn. Abends im Bett hielt er es nicht mehr aus und musste Anton von dem Alten, seinem Geschenk und seinen Worten erzählen. Als Anton meinte, dass er bestimmt zur Jury gehörte, verneinte Martin dies energisch, da er den Vorsitzenden die anderen Jury-Mitglieder fragen gehört hatte, wer der Alte sei. Keiner kannte, keiner hatte ihn zuvor gesehen!
„Na, dann probier es doch einfach aus!“, meinte Anton lakonisch. Er war viel zu müde, um sich mit Martin über nicht existierende Alte zu unterhalten.
„Das möchte ich doch, Anton!“, erwiderte Martin „Aber ich möchte, dass du dabei bist. Machst du mit?“
„Mach mich wach, wenn es soweit ist“, murmelte Anton, schon im Halbschlaf.
Das reichte. Martin war erleichtert. Mit seinem Bruder zusammen fühlte er sich sicher und irgendwie beschützt – das Unternehmen konnte starten. Vorsichtshalber stellte er sich den Wecker auf 10 Minuten vor Mitternacht. Damit das Klingeln seine Eltern nicht weckte, legte er ihn unter das Kopfkissen und versuchte, einzuschlafen. Leicht weggeschlummert, schreckte er hoch. Er bräuchte doch Wasser für seinen Versuch! Also schlich er in die Küche und füllte den goldenen Becher mit Wasser. Unbemerkt von seinen Eltern erreichte er wieder das Kinderzimmer. Jetzt war er viel zu munter, um noch einmal einzuschlafen. Immerhin zeigte die Uhr schon zwei Minuten vor 11 als er beschloss, sich anzuziehen und auf die Mitternachtsstunde zu warten.
Dann endlich war es soweit. Zehn Minuten vor Mitternacht schüttelte er Anton wach. „Los, aufstehen Anton! Du hast mir versprochen, mich in die Märchenwelt zu begleiten. Aufstehen Anton!“ Aber Anton drehte sich nur auf die andere Seite. Was Martin zu hören bekam, klang wie „Lass mich schlafen! Ich will noch nicht aufstehen“.
Jetzt wurde Martin grob. Erst zog er Anton die Bettdecke weg, dann knallte er mit voller Kraft die Hand auf Antons Hinterteil und schon hielt er den mit Wasser gefüllten Becher über Antons Gesicht. Wütend fauchte er Anton an. „Versprechen muss man halten! Wenn du jetzt nicht aufstehst, dann kriegst du die ganze Ladung Wasser ins Gesicht! Also?“
„Ist ja gut, Brüderchen!“, maulte Anton. „Ich werde schon mitkommen.“
Verschlafen zog sich Anton an. Martin öffnete das Fenster. „Jetzt hören wir die Turmuhr schlagen und können rechtzeitig aus dem Becher trinken.“
„Ja, ja, trink nur“, antwortete Anton dabei mächtig gähnend. „Du trinkst doch auch?!“, fragte Martin erschrocken nach. „Aber ja, Brüderchen“, erwiderte Anton.
„Dann ist´s ja gut. Und hör endlich mit deinem blöden `Brüderchen´ auf!“
„Ist gut, Brüderchen!“, antwortete Anton jetzt grienend. Endlich war er richtig wach. Es war aber auch höchste Zeit, denn die nahe Kirchturmuhr schlug zur 12. Stunde – Mitternacht.
Hastig nahm Martin den Becher und trank: den ersten Schluck, den zweiten. Noch merkte er gar nichts. Dann nahm er den dritten Schluck. Jetzt wurde es ihm ganz dunkel vor Augen. Er rief noch schnell: „Hier Anton, der Becher! Nimm drei Schluck und bring den Becher mit!“
Genauso plötzlich, wie es dunkel um Martin wurde, genauso plötzlich war es hell und klar. Er befand sich unweit des Hauses auf einer kleiner Lichtung im Wald. Und dann sah Martin, Anton wie aus einem Schatten sich bilden. Das ging sekundenschnell. „Wau!“, hörte Martin Anton rufen. „Das ist ja wirklich ganz schön verrückt! Dein alter Mann hat also nicht gelogen!“
„Warum soll ich Martin belügen?“ Die Stimme kam aus dem Tannenwald. Heraus schritt der Alte. Er strich über seinen weißen schütteren Bart und lächelte den Brüdern freundlich zu. „Ich freue mich, dass ihr meinem Wunsch nachgekommen seid. Es ist gut, dass du deinen Bruder mitgebracht hast. Zwei sind immer besser als einer, wenn es darum geht, Heldentaten zu vollbringen.“ Wieder lächelte der Alte.
„He, wir sollen Heldentaten vollbringen? Habe ich das richtig gehört?“, fragte Anton erstaunt. Martin schaute nur verdattert den Alten an. Damit hatte er nicht gerechnet.
„Ja, darum wollten wir Bewohner der `Anderen Welt´ euch bitten.“
„Wie, der `Anderen Welt´? Hast du meinem Bruder nicht erzählt, dass er mit Hilfe des goldenen Bechers in das Märchenreich kommen kann?! Ist das die `Andere Welt´?“
„Hört mir zu. Nachdem ich zu euch gesprochen habe, könnt ihr euch entscheiden: Ihr könnt uns helfen oder ihr nehmt sofort drei Schluck aus dem goldenen Becher und ihr seid zurück in der Menschenwelt.“
„Wir hören, alter Mann“, antwortete ihm Anton und Martin nickte zustimmend.
„Ich bin der Märchenerzähler. Ich wandere zwischen der Menschenwelt und unserer Welt. Den Menschen erzähle ich von uns, von den Feen, den Wichteln, den Hexen und Teufeln, den Drachen und den Riesen und verbinde dies mit fast wahren Begebenheiten aus unserer , der `Anderen Welt´. Ich habe die Fähigkeit, mich in der Menschenwelt unsichtbar zu machen, kann auch verschiedene Gestalten annehmen. Meine echte Gestalt ist aber die jetzige und die ist meine liebste. Ich las in eurer Stadt von dem großen Erzählwettbewerb und habe dir gut zugehört. Martin, du hast nicht nur eine wunderschöne Märchengeschichte erzählt, nein – sie ist auch wahr!“
„Wahr?!“, schrie Martin. „Die kann doch nicht wahr sein, die hab ich doch nur erfunden!“
„Doch doch! Sie ist wahr und das ist unser Problem. All das, was du beschrieben hast, das erleben wir zur Zeit. Wir leiden unter der Herrschaft des bösen Zauberers Rebuaz und du Martin bist der Einzige, der uns von seiner Herrschaft befreien kann. Er tyrannisiert uns, verlangt Sklavenarbeit von allen Bewohnern der `Anderen Welt´ und hat jetzt auch noch unsere Prinzessin geraubt. Kommt dir das bekannt vor, Martin?“
„Ja“, antwortete Martin. „So hatte ich mir das ausgedacht.“
„Und das ist die Wahrheit. Deine Erzählung hat mir gezeigt, wie wir den bösen Zauberer Rebuaz besiegen können. Nur...“ Der Alte machte eine lange Pause, holte dann tief Luft und sagte den entscheidenden Satz: „Nur – nur du allein Martin kannst den Zauberer besiegen. Du musst genauso vorgehen, wie du es in deinem Märchen erzählt hast. Du musst der mutige Junge sein, der den Kampf aufnimmt. Handle so, wie in deinem Märchen und du kannst diese Heldentat vollbringen.“
Dem Martin glühten vor Aufregung die Ohren. Er, der Martin, Schüler der vierten Klasse, soll richtig gegen Riesen, Drachen und Zauberer kämpfen. Er soll zum Helden werden?
Anton sah das gelassener: „Martin, das ist halb so schlimm. Vergiss nicht, wir sind in der `Anderen Welt´, der Märchenwelt. Hier geschehen doch immer Wunder, und warum soll nicht ein Martin eine Heldentat vollbringen können?!“
„Meinst du wirklich?“, fragte Martin seinen älteren Bruder.
„Ja, im Ernst und außerdem bleibe ich bei dir und werde dir immer beistehen und helfen!“ Anton spielte jetzt sehr deutlich den Älteren heraus.
„Anton, beistehen kannst du deinem Bruder, aber die Handlungen müssen von Martin durchgeführt werden. So hat er sein Märchen erzählt und nur so kann er den bösen Zauberer Rebuaz bezwingen. Das dürft ihr beide niemals vergessen. Greifst du in die Handlung ein, Anton - dann ist alles verloren. Unser Märchenreich wird vom bösen Zauberer völlig beherrscht werden.“ Vielsagend nickte der Alte mit dem Kopf.
„Anton, sag ehrlich, soll ich es wagen?“, flüsterte Martin. Und Anton erwiderte ihm auch leise: „Tu es! Ich weiß, du schaffst das! Du bist ein Kämpfer!“
Mit hochrotem Kopf und vor Aufregung stammelnd, sagte Martin zum Alten: „Ich will es wagen. Aber nur, wenn mich mein Bruder begleiten darf.“
„Begleiten darf er dich. Aber, ich wiederhole es noch einmal, er darf nicht handeln, Martin. Nur du musst der Kämpfer sein!“
Der Alte hob die Hände gen Himmel und als hätten die Bewohner der „Anderen Welt“ nur auf dieses Zeichen gewartet, raschelte er im Gras, schaukelten die Zweige der Bäume, hörte man zuerst leise, dann immer lauter werdende Stimmen. Und dann zeigten sich die Wesen der „Anderen Welt“. Es waren Wichtel und feengleiche Geschöpfe, Berg-, Erd- und Luftgeister, Zwerge, Elfen und Trolle, das Einhorn und der Zentaur. Im nahen Bach erhob sich der Wassergeist samt Töchter aus dem Wasser und die Nixe winkte ihre Gespielinnen zum Schauen herbei. Auch sahen die Brüder Wesen, die in noch keinem Märchen beschrieben waren. Sie alle, es waren mehr als Einhundert, klatschten jetzt vor Freude über Martins Zusage in die Hände. „Dank dir Martin! Martin, du bist unser Kämpfer!“, riefen sie und ein kleines Elfkind wisperte: „Martin, du wirst ein Held!“
Der so gefeierte stand verlegen mit hochrotem Kopf und wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Plötzlich herrschte Stille, kein Laut drang zu den Ohren der Jungs. Die Wesen der „Anderen Welt“ erstarrten. Aus dem Nichts formten sich zwei Gestalten: Der König des Märchenreiches und seine Gemahlin. Mit dröhnender Stimme forderte der König Martin auf, näher zu kommen. Doch der zögerte, dieser König hatte ihn verschreckt. Noch einmal befahl der König: „Martin, zu mir!“ Und zögernd, um nicht zu sagen ängstlich, ging Martin drei Schritte auf den König zu. Der wollte wieder befehlen, doch da fiel ihm die Königin mit freundlicher Stimme ins Wort: „Komm nur näher, lieber Martin. Fürchte dich nicht vor meinem Gemahl. Er will immer vor Fremden den mächtigen König herausstellen und glaubt, mit lauten Worten und Befehlen sich Geltung verschaffen zu können. Er ist aber sonst ein wirklich netter König. Nicht war, mein Brummbär?!“
Der so in aller Öffentlichkeit Gescholtene blickte verlegen, dann zwinkerte er Martin freundlich zu und mit ganz normaler Stimme bat er: „Ich wollte dich nicht erschrecken. Komm nur näher, du auch Anton.“
Martin und Anton gingen zum Königspaar. Direkt vor dem König verharrten sie, Anton verbeugte sich leicht und Martin tat es ihm gleich. Freundlich winkte die Königin und aus dem Nichts standen zwei hohe mit rotem Samt bezogene goldene Stühle auf der Wiese. „Nehmt nur Platz“, sagte der König schmunzelnd. Und die Brüder krochen jetzt etwas sehr unbeholfen auf die viel zu hohen Stühle. Die Königin, das sehend, schnipste mit den Fingern und die Stühle schrumpften auf normale Größe. Jetzt saßen die Brüder vor dem Königspaar.
„Wir freuen uns, dass ihr uns helfen wollt, unsere kleine Prinzessin aus den Händen des Zauberers Rebuaz zu befreien. Alle Bewohner der `Anderen Welt´ werden dir helfen, Martin. Ihre Hilfe kann aber nur so sein, wie du sie in deinem Märchen geschildert hast. Unser Märchenerzähler hat uns mit seinen enormen Fähigkeiten deinen Auftritt auf diesem Erzählerwettstreit direkt gezeigt. Seit dieser Minute kennen wir dich und wir wissen, unsere Leidenszeit geht zu Ende.“ Der König lächelte freundlich. Dann fuhr er fast beschwörend fort: „Martin, tu alles so, wie in deiner Erzählung und du wirst der Sieger sein!“
Die Königin erhob sich. „Bist du bereit, Martin?“ Martin nickte nur. „Dann können wir dich verabschieden.“ Martin, benommen von dieser Audienz, wollte aufstehen, doch der Stuhl ließ ihn nicht los. Er musste die Huldigung der Wesen der „ Anderen Welt“ über sich ergehen lassen. Alle kamen, wünschten ihm Glück, sprachen Schutzzauber aus, gaben ihm ihre persönlichen Glücksbringer und die Elfen und Nixen bedeckten sein Gesicht mit Hunderten von Küssen. Als er endlich die Verabschiedung überstanden hatte, konnte er den goldenen Stuhl verlassen. „Anton, komm schnell weg“, zischte er seinem Bruder zu. Der feixte übers ganze Gesicht und antwortete ihm leise: „So geküsst und geherzt wurde ich noch nie. Wie war es denn?“ Statt einer Antwort fauchte Martin nur.
Jetzt erhob sich auch der König. „Geh und besieg den bösen Zauberer! Wir erwarten dich hier!“ Kaum war das letzte Wort verklungen, als alle Wesen der Märchenwelt sich in Nichts auflösten. Die Brüder standen allein auf der Waldwiese.
„Jetzt Martin, bist du der Bestimmer! Du weißt, ich muss mich zurückhalten. Ich werde aber höllisch aufpassen, dass dir nichts passiert!“
„Danke, Anton“, erwiderte ihm Martin erleichtert. „Im Moment ist mir, als hätte ich vor Aufregung meine Geschichte vergessen.“
„Ach quatsch, vergessen! Wie begann deine Geschichte... Der mutige Karl kommt durch Zufall in den Märchenwald und dort sieht er... Na? Ist dein Gedächtnis wieder aufgefrischt?“
„Ja, ich weiß wieder alles. Also los, suchen wir zuerst das Einhorn!“
Und Martin marschierte los, immer gerade aus - seiner „Nase nach“. Anton folgte ihm in gebührendem Abstand, denn er wollte die Begegnung mit dem Einhorn nicht stören. Als Martin die große Wiese erreichte, trabte ein schneeweißes Einhorn wiehernd auf ihn zu. Martin sprach mit ihm und das Einhorn knickte mit den Vorderbeinen ein, so dass Martin bequem aufsteigen konnte. Anton machte sich schon auf einen langen Dauerlauf gefasst, als hinter ihm eine tiefe Männerstimme verkündete: „Die Gemeinschaft der `Anderen Welt´ hat beschlossen, dass ich dir zur Verfügung stehe. Sitz auf, Anton!“
Ein Zentaur stand vor Anton. Auch er kniete wie das Einhorn und Anton saß auf. Hui, konnte der Zentaur schnell laufen. So sehr er sich aber auch bemühte, das schneeweiße Einhorn einzuholen, der Abstand zwischen ihnen wurde doch größer. Bald war Martin mit seinem Einhorn nicht mehr auszumachen. Als Anton deswegen seine Ängste dem Zentaur mitteilte, erklärte ihm sein Pferdemensch mit keuchendem Atem: „Martin wird gut beschützt. Das Einhorn hat eine solche Kraft, dass selbst der größte Bär es niemals angreifen wird.“
Das beruhigte zwar Anton etwas, aber insgeheim dachte er, dass doch Martin allein keinen Beschützer hätte. Nur seinen Zentaur brauchte er nicht antreiben. Der gab sein bestes, aber die enorme Kraft des Einhorns besaß er nicht. Es war, als könnte der Zentaur Gedanken lesen, denn er fragte Anton mit keuchendem Atem: „Weißt du Martins erstes Ziel?“
„Ja, in seinem Märchen muss er das `Sehende Auge´ finden. Weißt du jetzt, wo Martin hinreitet?“
„Das Auge ist im Besitz der Hexe. Nur sie wird es nicht freiwillig herausgeben!“, antwortete der Zentaur. „Aber jetzt weiß ich, welchen Weg ich einschlagen kann. Einen Weg, den das Einhorn nicht kennt. Wir werden mit ihm bei der Hexe ankommen.“ Und der Zentaur lief jetzt abseits des Weges, geradewegs in einen tiefen dunklen Wald. Die Äste der Tannen hingen so tief, dass Anton von ihnen gepeitscht wurde. Trotzdem lief der Zentaur nicht langsamer. Erst auf einer Lichtung hielt er an. Er legte die Hände wie ein Schallrohr vor den Mund und rief: „Freunde kommt und helft! Wir sind auf dem Weg zum `Sehenden Auge´!“
„Zum `Sehenden Auge´, wirklich zum Auge?“, wisperte es.
„Ja und bitte leuchtet uns. Anton will zu seinem Bruder. Der wird den bösen Zauberer besiegen! Kommt schnell und leuchtet!“
„Den bösen Zauberer besiegen! Unserem ärgsten Feind! Wir kommen, wir eilen!“
Jetzt sah Anton Hunderte von Irrlichter, die einen sonst nicht sichtbaren Pfad beleuchteten. Dieser Pfad führte durch das schwarze Moor. Ein Fehltritt und der Zentaur und mit ihm Anton, wären für immer vom Moor verschluckt. Vorsichtig, sehr vorsichtig setzte der Zentaur die Hufe auf den weichen nachgebenden Untergrund.
„Nur keine Scheu, wir kennen den Weg und wir leuchten dir!“, wisperte es mit Hunderten feinsten Stimmchen.
Noch wenige Meter und der Zentaur spürte wieder festen Boden. „Danke!“, rief er und galoppierte mit neuer Kraft davon.
„Erzähl uns von dem Kampf!“, baten die Irrlichter und der Zentaur erwiderte: „Auf dem Rückweg komme ich zu euch!“
Der tiefe finstere Wald wurde lichter und lichter. Vor ihnen lag eine prächtige Wiese und hinter der Wiese erhob sich ein steiler Fels, auf dessen Gipfel eine Hütte stand. Anton sah jetzt, wie das Einhorn mit Martin zu dem Felsen lief. Dort sprang Martin vom Einhorn und versuchte, den Felsen zu erklimmen. Doch irgendwie kam er nicht weiter. Immer wieder und wieder rutschte er von dem glatten Gestein ab. „Schnell, mein Freund! Ich muss meinem Bruder helfen!“, schrie Anton und der Zentaur preschte durch das Gras. Kaum hatte der Zentaur das Einhorn erreicht, als Anton vom Rücken sprang und schreiend zu Martin lief: „Warte, ich helfe dir!“
„Da darfst mir nicht helfen! Ich muss das alleine schaffen“, antwortete ihm Martin. Jetzt war für Anton guter Rat teuer. Helfen durfte er dem Martin wirklich nicht. Plötzlich hatte er eine Idee, die er auch sofort umsetzte. „Ich suche mir einen guten Kletterweg“, rief er Martin zu. Und Martin sah, wie sein Bruder sich gewandt zwischen den Steinen und Felsvorsprüngen nach oben kämpfte. „Ich brauche ihm doch nur auf seinem Kletterweg folgen“, murmelte Martin. „Er hilft mir doch nicht!“ Und so kletterte er vorsichtig seinem großen Bruder hinterher. Unterhalb des Gipfels wartete Anton. „Ich warte hier“, flüsterte er Martin zu. „Hab keine Angst vor der Hexe. In deinem Märchen war sie eine gute Hexe!“
„Ich weiß“, zischte Martin zurück.
Nach wenigen Metern hatte Martin den Gipfel erreicht. „Hexe, liebe Hexe!, rief er. Doch keine Tür öffnete sich. „Hexe, bist du zu Hause?“, fragte er laut schreiend.
„Ja, warum brüllst du denn so?!“, hörte Martin eine Stimme. Doch so sehr er suchte, die Person, die zur Stimme gehörte, sah er nicht. Nur eine schwarze Rauchfahne kroch aus dem Schornstein. „Na, warum schreist du so laut?“
„Ich, ich ... möchte zur guten Hexe“, antwortete Martin eingeschüchtert.
„Soooo und was willst du von ihr?“
„Ich will sie um das `Sehende Auge´ bitten.“
„Was! Das Auge! Mein `Sehendes Auge!“, brüllte jetzt die Stimme und die schwarze Rauchfahne senkte sich zu Boden und dort formte sie sich zu einer wirklich hässlich anzusehenden Hexe. Mit krummen Buckel, roten vor Zorn funkensprühenden Augen, langem ungepflegtem Haar stand sie vor Martin und drohte ihm mit einem gewaltigen Knotenstock.
„Was willst du mit meinem Auge, sprich!“, fauchte sie Martin an. Der wich erschrocken zurück. Dann stammelte er: „Die Bewohner der `Anderen Welt´ baten mich, die geraubte Prinzessin zu befreien und den bösen Zauberer zu besiegen. Dein Auge kann mir den Weg zeigen.“
„Du, du willst diesen Zauberer Rebuaz besiegen?!“ Dann lachte die Hexe so laut, dass das Echo ihres Lachens von den fernen Bergen widerhallte.
Jetzt wurde Martin trotzig: „Ja, und nur ich habe die Kraft dazu!“
Verwundert schaute ihn die Hexe an. Sie schüttelte den Kopf, drehte mehrere Runde um Martin, ja, sie stippte ihn sogar mit dem langen spinnendünnen Zeigefinger an. „Du, du bist der Kämpfer, von dem mir die Eule erzählte.“ Und Martin bekräftigte seine Aussage, indem er der Hexe alles erzählte. Die saß sehr ruhig auf einem Stein und hörte dem Martin aufmerksam zu. Als Martin geendet hatte, verwandelte sie sich zu einer hübschen Frau, mittleren Alters, die jetzt sehr freundlich zu Martin sagte: „Ich glaube dir. Und ich glaube auch, dass du den Rebuaz besiegen wirst. Du musst wissen, dieser Grobian, dieser Flegel hat mir zuerst die Heirat versprochen und dann hat er mich wegen meiner Hässlichkeit verhöhnt und verspottet. Sag selbst, seh ich so hässlich aus?“ Sie drehte sich kokett wie ein junges Mädchen vor Martin. „Na, wie sehe ich aus?“, fragte sie nochmals. Und Martin antwortete ihr: „Sie erinnern mich an meine Tante, echt. Sie sehen genauso hübsch aus.“
Dem Martin schwanden alle Sinne, als die Hexe ihn vor Freude abküsste.
„Du wärest der rechte Bräutigam für mich. Nein, hast du das schön gesagt!“, flötete die Hexe, strahlte den Martin mit ihren himmelblauen Augen an, zog einen Spiegel aus ihrer Rocktasche und betrachtete sich zufrieden darin.
„Liebe Hexe, könnten Sie mir...?“ Aber ehe Martin das Wort „ Sehende Auge“ aussprechen konnte, antwortete die Hexe: „ Das `Sehende Auge´ kannst du nur erringen, nicht erhalten. Drei Aufgaben musst du erfüllen. Dann hast du das Recht, das Auge zu benutzen. Versagst du aber bei den Aufgaben, kann es dir schlimm ergeben, Martin!“ Sie schaute Martin durchdringend an. „Wie entscheidest du dich?“
Martin brauchte keine Bedenkzeit. „Stellen Sie mir die Aufgaben“, sagte er betont forsch.
„Gut, so sei es! Du musst deine Klugheit, deinen Mut und deine Aufrichtigkeit beweisen. Womit möchtest du beginnen?“
„Entscheiden Sie , liebe Hexe“, antwortete Martin, vor Aufregung sehr nervös.
Anton, der wenige Meter unterhalb des Gipfels alles mit angehört hatte, drückte seinem Bruder die Daumen. „Du schaffst das Martin. Los, du schaffst das!“, murmelte er. Plötzlich wurde er von starken Händen gepackt. Ein fürchterlicher Gestank kroch in seine Nase. Ihm wurde speiübel. „Ha, ein Mensch! Ein Braten zum Fest!“, hörte Anton ein Geschöpf sagen. Die Hörner auf dem Kopf, der Pferdefuß, ein langer Schwanz und dann dieser Gestank, es musste Schwefel sein – das, das konnte nur der Teufel sein! Behaarte Hände packten Anton, hoben ihn hoch und trugen ihn zum Gipfel. „Schwester sieh nur! Ich habe einen Menschen! Das gibt einen Festbraten!“
Doch ehe die Hexe antworten konnte, schrie Martin: „Lass sofort meinen Bruder los! Er hat mit dieser Sache nichts zu tun! Loslassen, habe ich gesagt!“
Verwundert schaute der Teufel auf Martin. „He, da ist noch solch schöner Festtagsbraten, zart und doch knusprig. Na, dann nehme ich dich!“
Er ließ Anton, der inzwischen durch die Umklammerung sein Bewusstsein verloren hatte, einfach zu Boden plumpsen. Martin sehend, wie sein bewusstloser Bruder wie ein Mehlsack hingeworfen wurde, sprang voller Zorn auf des Teufels Rücken. Er griff die langen Ohren und zog mit aller Kraft, so dass der Teufel vor Schmerzen aufschrie. Martin ließ die Ohren los, griff die Nase des Teufels und drehte sie so gut er konnte herum. Wieder ertönte ein Schmerzensschrei so laut, dass die Raben auf dem fernen Berg erschrocken davonflogen. „Ich werde dich lehren, Menschen als Braten zu betrachten!“, schrie Martin erbost. „Du widerliches stinkendes Untier! Du bist ein Ungeheuer!“
Martin rutschte vom Rücken, ergriff den langen Schwanz des Teufels und zog aus Leibeskräften daran. Er zog und zog, der Teufel wimmerte und konnte sich nicht befreien. Als Martin den Schwanz so lang gezogen hatte, dass er ihn um den einsamen Baum wickeln konnte, bat der Teufel um Gnade: „Aufhören! Ich werde euch nicht verspeisen!“
In diesem Moment schnipste die Hexe mit dem Finger und der Teufel, aber auch Martin erstarrten. Martin nahm alles wahr, konnte aber keinen Finger, selbst die Zunge nicht bewegen. Und genauso erging es dem Teufel. Die Hexe schritt zu Anton, hob in sanft auf und trug ihn ins Haus. Dort bestrich sie sein Gesicht mit den Händen. Anton schlug die Augen auf. „Wo bin ich? Was ist geschehen?“, fragte er verwundert die junge Frau, die ihm zulächelte.
„Du bist im Hexenschloss und Schlimmes ist mit dir nicht geschehen. Mein Zauber hat dich beschützt. Aber einen tollen kleinen Bruder hast du. Er hat bereits die Prüfung der Aufrichtigkeit und des Mutes geschafft. Nicht schlecht für solch einen kleinen Knirps!“
Sie lächelte Anton an. Der verstand so gut wie gar nichts. Also erzählte die Hexe von den drei Prüfungen und dass sie ihren Bruder, den Teufel, dafür ausersehen hatte, Martins Mut zu prüfen. Und dass sie von Martins Aufrichtigkeit, Gutes zu vollbringen, jetzt fest überzeugt sei. Nur eine Prüfung muss er noch ablegen: Er muss seine Klugheit beweisen.
Die Hexe erhob sich, ging zur Tür und forderte Anton auf, mit nach draußen zu gehen. Dort löste sie zuerst die Starre ihres Bruders, des Teufels. „So“, sagte sie, „jetzt zeige dich in deiner netten Gestalt.“ Und der Teufel drehte sich einmal um sich selbst und vor Anton stand ein junger fescher Mann, der ihm lächelnd die Hand reichte.
„Entschuldige, lieber Anton!“, sagte er lächelnd. „Ich musste grob zu dir sein. Meine Schwester hat dich aber gut beschützt!“
Martin, in seiner Starre, nahm aber alles mit Bewusstsein wahr. Nichts änderte sich an seiner Haltung, keinen Finger und kein Augenlied konnte er bewegen. Der Zauber der Hexe wirkte noch. „Martin!“, sprach jetzt die Hexe. „Zwei Prüfungen hast du bereits erfolgreich bestanden. Mein Bruder und ich bescheinigen dir Aufrichtigkeit und Mut. Nun zur dritten Aufgabe. Bist du bereit?!“
Wie sollte Martin der Hexe diese Frage beantworten? Also stand er und starrte. Die Hexe lächelte und formulierte die dritte Prüfung: „Was kann man nie und nimmer gefangen nehmen, Martin?“
Martins Gedanken rasten nur so. In Sekundenschnelle prüfte er seine möglichen Antworten, aber alle verwarf er. So stand er eingesperrt in seiner Starrheit und konnte nur noch denken.
Dann durchzuckte ihn ein Geistesblitz. Anton merkte dies an den Augen seines Bruders. Nicht, dass sie sich bewegten, nein, sie „sprachen“. Und diese Sprache verstanden die Hexe und ihr Bruder. „Hervorragend!“, rief die Hexe und erlöste Martin aus seiner Starre. „Du bist ein kluger Junge!“, kommentierte auch der Teufel Martins Antwort.
Die Hexe löste die Starre auf. Martin schüttelte sich und fragte sofort: „War denn die Antwort `Gedanken kann man nicht gefangen nehmen´ richtig?“
„Aber ja“, antwortete ihm lächelnd die Hexe, „sonst hätte ich die Starre nicht so einfach aufheben können. Auch in unserer Welt gibt es viele Gesetze und Bestimmungen.“
„Das hast du prima gemacht!“, meinte auch der Teufel, der jetzt gar nicht mehr wie ein Teufel aussah. Er schlug dem Martin voller Anerkennung mit seiner Hand, die eine richtige Pranke war, kräftig auf die Schulter. Martin rutschte in sich zusammen.
„Du Grobian! Du Teufel! Kannst du nicht besser aufpassen! Musst du dem kleinen Martin so weh tun!“, schrie die Hexe ihren Bruder an. Und ihre Wut steigerte sich noch, als sie sah, dass Anton den fast bewusstlosen Martin aufhob. Sie knallte dem Teufel ihre Hände, und es waren garantiert nicht nur zwei, in einem solchen Tempo um die Ohren, dass der Teufel wimmerte: „Aufhören, liebste Schwester! Ich werde alles tun, um dies ungeschehen zu machen! Teufels Ehrenwort!“
„Ach du Teufel! Du Nichtsnutz! Du Dummbart!“, fauchte die Hexe schon etwas versöhnt. Dann eilte sie zu Martin, strich mit der Hand über sein Gesicht und Martin schlug die Augen auf. „Hat dich dieser verflixte Teufel grob behandelt“, brabbelte sie Und nahm Martin in die Arme. Dem war das gar nicht recht. Er sträubte sich gegen ihre Umarmung. „Ist schon gut“, antwortete er, „ich hab´s ja überlebt!“
„Aber etwas Gutes hat es auch“, flüsterte die Hexe ihm zu. „Weißt du, Martin, der Teufel muss dir jetzt dienen!“ Sie strahlte über das ganze Gesicht. „Und das behagt ihm gar nicht, diesem Nichtsnutz, diesem großen dummen Teufel!“
Anton, der dies alles nur als Beobachter registrierte, brachte sich jetzt in Erinnerung. „Bekommt Martin jetzt das `Sehende Auge´ ?“
„Ja, natürlich!“, erwiderte die Hexe und winkte dem Bruder. Der Teufel eilte in die Hütte und trug sehr vorsichtig in beiden Händen das `Sehende Auge´.
„Lege es dem Martin in den Schoß“, flüsterte die Hexe. Zu den Jungs gewandt, sagte sie: „Man soll das `Sehende Auge´ auf keinen Fall grob behandeln, man darf nicht lügen und der Fragende muss sehr klug sein. Nur dann wird das `Auge´ auch die Fragen richtig beantworten.“
Martin übernahm äußerst behutsam das `Auge´. Er und Anton betrachteten dieses geheimnisvolle `Auge´. Es war ein Stein, in Form und Aussehen dem menschlichen Auge ähnlich. Dieser Stein strahlte - es war, als würde er mit dieser Strahlung etwas mitteilen wollen. So jedenfalls empfand das Martin. Er schaute die Hexe fragend an. „Frage“, sagte diese, „Frage und das `Auge´ wird dir die Antwort geben.“
Doch Martin wandte sich zuerst an seinen Bruder: „Anton, ist dir aufgefallen, dass meine Erzählung ganz anders war. Seit wir den Berg bestiegen haben, erleben wir eine neue Geschichte.“
„Das stimmt, Martin!“, antwortete Anton und fragte jetzt die Hexe: „Hat das etwas zu bedeuten?“
„Gut ist das nicht, aber was es zu bedeuten hat, das kann ich nicht beantworten.“
„Wer kann es denn?“, fragte Martin. Dabei betrachtete er in seiner Hand das `Auge´. Doch jetzt sandte der Stein keine geheimnisvolle Strahlen aus. Er lag kalt in Martins Hand.
„Nur der Märchenerzähler, vielleicht noch unser König“, antwortete die Hexe. Sie blickte zu ihrem Bruder. „Teufel noch mal, jetzt kannst du deine Schandtat von vorhin wieder gut machen. Eile und frage den Märchenerzähler!“
Der Teufel strahlte übers ganze Gesicht, drehte sich dreimal um sich selbst und hast du nicht gesehen, in seinem Teufelsaussehen brauste er mit einer teuflischen Geschwindigkeit durch die Luft. Auf dem Hexenberg lud die Hexe die Jungs zum Essen ein. In der Hütte brodelte der große Topf über dem offenen Feuer. Es roch herrlich nach Sonntagsbraten, Weihnachten und Geburtstagskuchen. Es war, als krochen sämtliche Gerüche den beiden Jungs in die Nase und von dort zum Magen, der vor Freude zu knurren begann.
Anton saß bereits am Tisch, während Martin mit beiden Händen das `Sehende Auge´ umschließend, vor dem Stuhl stehen blieb. „Wo kann ich das Auge hinlegen?“, fragte er zaghaft.
„Hm“, meinte die Hexe nachdenklich. „es müsste seiner Bedeutung angemessen und sicher sein. Du musst es ja auch auf deiner langen Reise sicher bewahren können. Was könnte es denn sein?“ Nachdenklich rührte die Hexe den Inhalt des Topfes um.
„Wäre der goldene Becher, den Martin vom Märchenerzähler erhalten hat, das Richtige?“
„Ja, Anton“, antwortete die Hexe freudig, „ein edleres Gefäß können wir nicht finden. Wo ist er , dieser goldene Becher?“
Anton hatte ihn in seiner tiefen Hosentasche sicher verwahrt. Die Hexe nahm ihn, strich dreimal über den Rand des Bechers und weiches, frisches Moos schwebte durch die offene Tür direkt in den Becher. Mit ihren langen Fingern formte sie das Moos so, dass das „Auge“ hineingelegt werden konnte. Sie forderte Martin auf, dieses zu tun. Vorsichtig legte Martin das „Sehende Auge“ hinein und die Hexe verschloss den Becher mit einem Deckel aus Birkenrinde.
„Willst du das `Auge´ befragen, so öffne nur den Deckel“, sagte sie zu Martin.
Sie stellte den Becher auf den Tisch und forderte Martin auf, Platz zu nehmen. „Kommt nun und probiert meine Kochkunst. Sie ist weit und breit berühmt. Selbst die Königsfamilie holt mich zu ihren Festen ins Schloss. Dann bin ich dort der Küchenmeister.“
Sie schnipste mit den Fingern und hölzerne große Schüsseln schwebten aus dem Wandschrank zum Tisch. Ein zweiter Schnips und die Kelle füllte jedem Jungen die Schüssel.
Der Duft war betörend. Essen wollten die Jungs - ja, aber wie diese köstliche Suppe löffeln. Ein neuer Fingerschnips löste das kleine Problem und dann war in den nächsten Minuten außer „Das ist köstlich!“ und „Das schmeckt!“ nichts mehr zu hören. Die Köchin strahlte übers ganze Gesicht. „Esst! Esst!“, forderte sie ihre Gäste auf. Kaum waren die Schüsseln geleert, als mit einem neuen Fingerschnips ein Braten aus dem Topf in die Schüsseln schwebte. Dem Braten hinterher folgten zweizinkige Gabeln und zwei mächtige Messer. Und der Braten schmeckte noch besser als die Suppe. Der unerschöpfliche Topf lieferte dann auch noch einen köstlichen Kuchen, der einfach „göttlich“ schmeckte. So jedenfalls meinte es Anton und Martin nickte mit vollem Mund zustimmend.
Kaum hatten die Jungs den letzten Bissen hinunter geschluckt, als es nach Pech und Schwefel roch. „Ach, mein Brüderchen kommt zurück“, sagte die Hexe und schaute zur Tür. Dort erschien der Teufel, aber bereits in menschlicher Gestalt als junger Mann.
„Ich bringe Botschaft vom Märchenerzähler und einen Befehl des Königs!“, rief er laut.
„Nun sprich, was ist die Botschaft!“, forderte die Hexe ungeduldig.
Und der Teufel erzählte, was ihm der Märchenerzähler berichtet hatte. „Der Zauberer Rebuaz hat durch seine Spione Kunde von zwei Menschenkindern erhalten. Er weiß, dass Martin ihn besiegen kann. Durch dieses Wissen über die Kraft des Martins verängstigt, legte er den großen Feuerzauber über sein Reich. Die Erde tat sich auf und sie gebar das Feuer. So sollen Martin und sein Bruder am Weiterkommen gehindert werden.“
Während der Teufel erzählte, lugte er immer wieder zu dem großen Topf auf dem Feuer. Seine Schwester, die dies mit einem Lächeln quittierte, gab ihm aber unmissverständlich zu verstehen, dass er erst alles berichten musste, ehe er speisen konnte. So setzte der Teufel seinen Bericht fort: „ Ich habe den Märchenerzähler auch gefragt, warum Martin feststellen musste, dass seit dem Besteigen des Hexenberges die Gegenwart anders verläuft. In seinem Märchen hätte er es anders erzählt. Die Antwort gab der König: Er habe aus Vorsicht ein neues Königs-Gesetz verfügt! Da bekannt wurde, dass Rebuaz über Martins Vorhaben bescheid wusste, verfügte die Majestät, dass Martin Helfer bekommen darf. So lässt er Martin fragen, ob er auch weiterhin ein Kämpfer für die `Andere Welt´sein wolle. Und Anton lässt der König fragen, ob er gemeinsam mit seinem Bruder gegen den Zauberer kämpfen würde. Dich, liebe Schwester bittet die Königin, mit dem `Großen Schutzzauber´, den selbst der Zauberer Rebuaz nicht brechen kann, die beiden Menschenkinder zu beschützen.“
„Den `Großen Schutzzauber´!“, flüsterte die Hexe erschrocken. Kreidebleich war sie geworden. „Ich habe ihn noch nie gesprochen“, fügte sie schnell hinzu.
„Aber du bist die Einzigste, die ihn ausführen kann und darf. Das hat ausdrücklich die Königin gesagt!“, erwiderte der Teufel. „Unsere Mutter hat ihn dir gelehrt. Nur dir! So war es doch!“
„Ja, du hast ja recht, aber in den letzten zweihundert Jahren wurde er nie angewandt. Es ist ein mächtiger Zauber!“
Dem Teufel knurrte der Magen. Immer und immer wieder schielte er zum dampfenden Topf auf dem Feuer. Ungeduldig, die köstliche Speise vor Augen, murrte er: „Jetzt sagt mir eure Antwort. Der König wartet darauf!“
Er schaute die Brüder fragend an. Die nickten zustimmend, wenn man ihnen auch ansah, dass ihnen dabei nicht ganz wohl war. „Und du, Schwester?“
Die Hexe murmelte: „Ja, ja! Ich werde ihn aussprechen!“
„Dann kann ich die Botschaft dem König senden“, sagte erfreut der Teufel. Er winkte einem bisher unsichtbaren Geschöpf, es war eine große Eule, und befahl ihr, dem König zu berichten.
„So, das wäre erledigt“, rief er dann fröhlich und eilte zum großen Topf. „Wie das wieder duftet, Schwester!“, lobte er sie im Vorgeschmack eines genussvollen Essens.
„Halt!“, kam es befehlend von der Hexe. „Noch wissen wir nicht alles. Was ist mit dem Befehl des Königs?“
Der Teufel, der bereits mit der Kelle sich bedienen wollte, zuckte zurück. Dann erwiderte er lächelnd: „Ach, nichts besonderes. Der König meinte, dass ich der Einzige in unserem Reich bin, der das mächtige Erdfeuer besiegen kann. Das ist mein Auftrag. Kann ich nun endlich essen?“
„Ja, das kannst du.“ Die Hexe gab ihm den Topf vom Feuer. Dann rief sie die Jungs zu sich. „Jetzt spreche ich den `Großen Schutzzauber´ über euch. Martin gib mir das `Auge´.“
Martin nahm aus dem goldenen Becher das Auge und gab es vorsichtig der Hexe. Die schürte das Feuer, legte mächtige Holzscheite nach und ständig murmelte sie dabei - für die Jungs Unverständliches. Als das Feuer hell loderte, legte sie das `Auge´ in das Feuer. Jetzt stoben die Funken, ein gewaltiges Prasseln, dass in ein mächtiges Dröhnen überging, erfüllte den ganzen Raum. In diese Feuerglut ging sie hinein und forderte die Brüder auf, es ihr gleich zu tun. Der Teufel schaute vor Ehrfurcht auf das Treiben seiner Schwester und vergaß sogar, das mächtige Stück Braten in den Mund zu schieben.
Ängstlich gingen die Brüder zum Feuer. „Kommt nur!“, flüsterte die Hexe. „Euch kann nichts geschehen. Ich beschütze euch!“ Und so fassten die Brüder Mut und schritten in die Feuersbrunst.
Sie waren durch den Zauber der Hexe geschützt. Nichts merkten sie von der Feuerglut. Sie sahen durch das Feuer hindurch und nahmen alles wie gewohnt war. „Fasst euch an“, sagte die Hexe und die Jungs fassten sich an die Hände. Die Hexe nahm aus der Glut das „Sehende Auge“ und gab es Martin in die Hand. Es war überhaupt nicht warm, obwohl es im Feuer gelegen hatte.
„Lege deine Hand darauf, Anton“, flüsterte die Hexe und Anton tat es. Jetzt trat die Hexe in ihren Kreis und als sie die Hände der Jungs umfasste, spürten diese eine ungeheure Wärme und Energie in sich aufsteigen. Der Stein in ihren Händen begann zu leuchten und vermittelte den Brüdern ein wohliges Gefühl, das man nur erleben, aber nicht beschreiben kann.
Um den großen Schutzzauber abzuschließen, sprach die Hexe wieder wundersame Worte, in einer Sprache, die die Jungs nicht verstanden. Plötzlich hielt sie inne. Das „Sehende Auge“ nahm wieder seine ursprüngliche Farbe an und lag kalt in den Händen der Brüder.
„Der Zauber ist vollbracht“, sagte die Hexe und verließ das Feuer. Sie forderte die Jungs auf, ebenfalls aus dem Feuer zu gehen. Erschöpft setzte sich die Hexe neben ihren Bruder. Als Martin zu ihr schaute, erschrak er. Die gute Hexe sah um viele Jahre gealtert aus. Ächzend und mit rauer Stimme sagte sie: „Bruder, jetzt erfülle du des Königs Befehl. Ich muss schlafen.“
Das letzte Wort war verklungen und die Hexe sackte am Tisch in sich zusammen und lautes Schnarchen erfüllte den Raum. Der Teufel hob sie hoch und trug sie in die Hexenkammer. Obwohl er die Tür gut verschloss, hörten die Jungs immer noch ihr ohrenbetäubendes Schnarchen. „Unsere Mutter hat ihr diesen mächtigen Zauber gelehrt. Aber eine Hexe kann ihn nur einmal im Leben ausführen. Jeder Zauber nimmt ihr die Kraft vieler Jahre.“
Das Feuer war in sich zusammengefallen, der Teufel schuf Ordnung in der Hütte. „So“, murmelte er, „nun werde ich das Erdfeuer des Rebuaz löschen.“ Er drehte sich zu den Jungs um und forderte sie auf, das „Sehende Auge“ in den goldenen Becher zu tun und dann vor die Hütte zu gehen. Dort fragte er: „Wie wollt ihr den Hexenberg verlassen, allein oder mit mir?“ Die Brüder wussten darauf keine Antwort. Schließlich meinte Anton: „Der sicherste Weg wäre wohl recht!“
„Gut, so reitet mit mir!“, erwiderte der Teufel schmunzelnd. Er pfiff und ein ausgewachsener Ziegenbock mit riesigen Hörnern kam meckernd zu den Jungs gelaufen. „Nehmt Platz! Setzt euch vorne hin. Am Schwanz zieht mich Adelbert!“
Wer Adelbert war, brauchten die Jungs nicht zu raten. Der Ziegenbock meckerte freudig: „Nur aufgesessen und geschwind geht es ins Tal!“
Martin und Anton saßen auf. Die Hörner des Bockes waren wirklich gewaltig. Beide Jungs konnten sich daran festhalten. Kaum saßen sie als der Teufel den Schwanz des Ziegenbockes fasste und rief: „Lauf Adelbert! Lauf wie der Wind! Hinab in das Tal, geschwind, geschwind!“ Und der Ziegenbock „stürzte“ sich den Berg hinab. Sicher sprang er von Fels zu Fels und wurde doch immer noch vom Teufel zur Eile angetrieben. Der Wind pfiff den Jungs um die Ohren und doch hatten sie nie das Gefühl, in Gefahr zu sein.
Unten auf der Wiese wurden sie von dem Einhorn und dem Zentaur erwartet. „Beeilen wir uns!“, rief der Zentaur. „Wir haben Botschaft, dass der Zauberer Rebuaz seine fliegenden Drachen als feuerspeiende Kampfmaschinen gegen die Menschenkinder einsetzen will!“
„Eia! Etwas besseres hättest du mir nicht sagen können!“, frohlockte der Teufel. „Mit diesen Ungetümen wollte ich sowieso schon immer meine Kräfte messen! Auf geht's, Adelbert! Auf in den Kampf!“ Doch bevor Adelbert losrennen durfte, glitten die Brüder vom Rücken des Ziegenbockes und bestiegen den Zentaur und das Einhorn. Fast hätte man meinen können, dass es ein Wettrennen zwischen dem Ziegenbock, dem Einhorn und dem Zentaur sei. Die Erde dröhnte unter ihren Hufen. Zuerst versagten dem Zentaur die Kräfte, dann wurde auch das Einhorn langsamer. Des Teufels Ziegenbock, angetrieben vom Teufel, der immer noch am Schwanz seines Tieres hing, jagte über Wiesen, preschte enge Waldschneisen entlang und übersprang große Flüsse und kleine Bäche mit Riesensätzen.
Plötzlich hielt der Zentaur. Auch das Einhorn vor ihm , mit Martin auf dem Rücken, verharrte. Am dunklen Horizont flogen riesige Vögel, die einen Feuerball vor sich her wälzten.
„Was sind das für Vögel?“, fragte Martin. Und das Einhorn antwortete ihm: „Keine Vögel, es sind die Schrecken der `Anderen Welt´. Es sind die feuerspeienden Drachen des Rebuaz. Keiner hat sie bisher besiegt. Ich hoffe nur, der Teufel ist stark und klug genug, um sie zu bezwingen.“ Der Zentaur, der inzwischen mit Anton zum Einhorn aufgeschlossen hatte, ergänzte: „Der Teufel hat schon einmal mit ihnen gekämpft. Damals, vor mehr als 100 Jahren war er noch ein Junge und verlor. Nur der Zauber seiner Mutter hatte ihm damals das Leben gerettet. Aber er hat den Drachen ewige Feindschaft geschworen.“
Jetzt erlebten die Brüder einen einzigartigen Kampf. Der Teufel war auf den Rücken des Adelbert gestiegen, in der einen Hand blitzte sein Dreizack und in der anderen Hand glänzte ein riesiges Schwert. Adelbert jagte durch die Lüfte, laut meckernd, das aber eher wie Kampfgeschrei klang. Schon nahm der Teufel den ersten Drachen aufs Korn. Der spuckte eine riesige Flamme gegen den Angreifer, doch der Teufel warf sich direkt in dieses Flammenmeer. Mit dem Dreizack spießte er den Drachen auf und mit dem Schwert schlug er dem Drachen alle seine drei Köpfe ab. Und diese Kampftechnik wandte er gegen jeden Drachen an und bald lagen alle sieben Drachen des Rebuaz tot auf der Erde. So glaubten jedenfalls die Brüder und ihre Reittiere. Doch der siebente Drache hatte noch Leben in sich. Als der Zentaur mit Anton nahe an ihm vorbei ritt, fauchte er nochmals einen mächtigen Feuerball. Während Anton durch den großen Schutzzauber der Hexe geschützt war, wurde der Zentaur geblendet.
Erschrocken eilten der Teufel und Martin mit dem Einhorn zum Zentaur. „Damit deine Schmerzen gelindert werden, nimm das!“, sagte der Teufel und spie eine blaue Flamme auf die Augen des Zentaur. „Feuer musst du mit Feuer bekämpfen!“, erklärte er den erschrocken dreinblickenden Brüdern. „Danach handeln alle Teufel!“ Er wandte sich direkt an den Zentaur und bat: „Warte hier. Ich will das Erdfeuer besiegen und dann führe ich dich zum Hexenschloss. Meine Schwester wird deine Augen heilen!“
Das Einhorn ließ Anton aufsteigen und im gemächlichen Trab ging es hinter dem Teufel hinterher. Der war vor Kampfeslust richtig außer Rand und Band. Der Sieg über die sieben Drachen machte ihn zum größten Kämpfer im Märchenreich. Und jetzt wollte er sein Meisterstück abliefern: Das mächtige Erdfeuer, das der Zauberer Rebuaz tief in der Erde entzündet hatte, zum Stillstand zu bringen.
Er trieb seinen Ziegenbock zur Eile an und reimte voller Übermut: „Der Rebuaz, der Rebuaz – der kriegt von mir jetzt eine vorn Latz!“ Und die immer näher kommenden brennenden feuerspeienden Berge widerhallten vom Gelächter des Teufels.
Und dann sahen die Jungs und ihr Reittier, das Einhorn, ein wundersames Schauspiel. Mit einem gewaltigen Satz sprang Adelbert mit dem Teufel am Schwanz in das größte Kraterloch – mitten hinein. Eine gewaltige Eruption erschütterte die Erde. Die Luft flimmerte vor Hitze und der Himmel war nur noch rot, glutrot. Schlagartig hörte das Beben auf, die Bläue des Himmels verdrängte das Rot und aus dem Krater schoss Adelbert senkrecht in den Himmel, höher und immer höher. Auf seinem Rücken saß verkehrt herum der Teufel, den Dreizack triumphierend in die Luft stoßend und ein mörderisches Freuden- und Siegesgeheul ausstoßend. „Rebuaz, du Wicht, du Nichtskönner, du Dummbart! Deine Drachen und dein Feuer habe ich besiegt! Jetzt verlierst du deine ganze Macht. Zwei Menschenkinder werden dich besiegen! Das schwöre ich, ich Luzifer, der Teufel, Bändiger des Erdfeuers und Bezwinger der dreiköpfigen Drachen!“
Als der Ziegenbock neben dem Einhorn den Boden berührte, verbreitete sich ein fürchterlicher Gestank. Ruß, Schwefel, Asche schüttelte der Ziegenbock aus seinem Fell. Der Teufel war kohlrabenschwarz, aber frohgelaunt. Er kraulte dem Adelbert aus Dankbarkeit für dessen Hilfe die Ohren.
„Den Befehl des Königs habe ich ausgeführt. Ich werde jetzt den Zentaur zu meiner Schwester führen. Ihr ,Martin und Anton, müsst jetzt immer dem `Sehenden Auge´ folgen. Fragt das `Auge´und es wird euch den Weg weisen. Hütet es und beschützt es, denn nur dann kann es auch euch beschützen. Der Rebuaz ist geschwächt, aber noch nicht besiegt. Er ist falsch und grausam, kann verschiedene Gestalten annehmen und ist ein mächtiger Kämpfer. Seid also immer auf der Hut. Noch kann euch das Einhorn einen kurzen Weg bringen, doch dann seid ihr allein. Besiegen könnt ihr den Rebuaz aber nur, wenn ihr ihm sein `Sehendes Auge´nehmt.“
Verwundert fragte Martin: „Er hat auch eins?“ Und der Teufel antwortete: „Einst hat er es als Mitgift für die Hochzeit mit meiner Schwester von meiner Mutter, der großen Hexe, erhalten. Doch er brach sein Heiratsversprechen, behielt aber das zweite `Auge´. Nur, da dieser Rebuaz nicht aufrichtig ist, hat sein `Auge´ weniger Kraft.“ Er schaute Martin an als er weitersprach: „Du weißt doch noch, welche Prüfungen du bestehen musstest, ehe dir meine Schwester das `Auge´geben durfte?“
Martin nickte: „Mut, Aufrichtigkeit und Klugheit, das musste ich beweisen.“
„Und wie du das bewiesen hast!“, rief der Teufel lachend aus. „Und damit wirst du dem Rebuaz überlegen sein! Höre Martin und auch du Anton, beherzigt meine Worte: Wer mutig, aufrichtig und klug ist, den verlässt das `Sehende Auge´ niemals! Es beschützt euch und bekämpft mit euch das Schlechte in der `Anderen Welt´!“
Sich an das Einhorn wendend, bat er es, die Brüder bis zu den Toren des Zauberreiches zu bringen. Weiter sollte es aber nicht gehen, denn nur die Menschenkinder allein können den Zauberer besiegen. „Ich bringe sie bis zum großen Zaubertor und dort warte ich auf sie, um sie nach Hause zu bringen“, versprach das Einhorn.
Nun trieb der Teufel Adelbert zur Eile und das Einhorn lief mit den Brüdern auf dem Rücken in die andere Richtung. Mit gewaltigen Sätzen brachte es die Kinder zum Reich des Zauberers. Vor ihnen taten sich die Berge auf, zwei mächtige Kegelberge bildeten das Tor zum Zauberreich. Wer dieses Reich betritt, begibt sich in die Hand des mächtigen Rebuaz. „Hier werde ich auf euch warten, seid vorsichtig in eurem Kampf. Der Mutige ist auch immer klug, denn sonst könnte er die Gefahren schlecht erkennen. Solltet ihr trotzdem in eine arge Bedrängnis kommen, so ruft mich. Ich werde euch aus dem Machtbereich des Rebuaz bringen. Reißt mir aus meiner Mähne ein Haar aus, jeder nur ein Haar! Wisst ihr nicht weiter, dann zerreißt es und ich werde kommen!“
Und die Jungs zupften dem Einhorn aus seiner dichten Mähne je ein Haar und wickelten es um einen Jackenknopf. „So können wir es nicht verlieren“, kommentierte Anton ihr Tun. Das Einhorn wünschte den Brüdern nochmals Erfolg für ihre Aufgabe und ermahnte: „Denkt daran: Mut und Klugheit gehören zusammen!“
„Wir denken bestimmt daran, liebes Einhorn“, erwiderte Martin. Das Einhorn trabte auf die große Wiese und legte sich schnaubend ins weiche Gras.
„Jetzt gilt es, Martin!“ Anton schaute seinen jüngeren Bruder an. „Wollen wir?“ Martin nickte nur. Und als würde das ihre Kraft verdoppeln, fassten sich die Brüder an die Hände und durchschritten das Tor. Eigentlich erwarteten sie sofort irgendwelche Ungeheuer, die versuchen werden, sie zu töten. Aber nichts geschah, rein gar nichts! Was allerdings den Brüdern sofort auffiel, war, dass kein Vogel sang, kein Hase oder ein anderes Getier durchs Gras lief, selbst die Sonne nur irgendwie unwirklich schien.
Als sie ein zweites Tor durchschritten, das von kleineren Kegelbergen gebildet wurde, verfinsterte sich der Himmel. Der Donner grollte und Blitze zuckten, grell die Umgebung erleuchtend. Mit lautem Zischen schlugen sie neben den Jungs ein. Jetzt zeigte sich, dass der große Schutzzauber der Hexe die Menschenkinder wie mit einer Glocke beschützte.
So plötzlich, wie der Spuk begann, so plötzlich endete er auch. Der Rebuaz erkannte, dass er so die Jungs nicht besiegen konnte. Dafür entsandte er seine beiden Leibdiener, Riesen von Gestalt und zu jeder Untat fähig. Als die Jungs diese zwei Gestalten, sie wuchsen auf die Höhe eines Kirchturmes und trugen Schwerter aus glänzendem Stahl, sahen, wurde ihnen ganz schön mulmig. Kleinlaut flüsterte Martin: „Wollen wir das `Sehende Auge´ um Hilfe bitten?“
„Versuchen wir es“, antwortete ihm Anton. Er zog den goldenen Becher aus seiner unergründlich tiefen Hosentasche. „Ich nehme den Deckel ab und du fragst. Klar Martin? Denk daran, du bist der Bestimmer!“ Und so fragte Martin: „Auge, du allwissendes, du sehendes Auge, kannst du uns helfen? Sag, wie können wir die beiden Riesen besiegen?“
Und das `Auge´ begann zu leuchten, hob sich aus dem goldenen Becher und sandte helle Strahlen, gleich einem Laserstrahl der Menschen, gegen die Riesen. Vor den Augen der Jungs zerflossen die Riesen und nur zwei Rinnsale kündete von ihrer Existenz.
Erleichtert flüsterte Martin: „Danke, `Sehendes Auge`! Danke!“
Das „Auge“ erlosch und sank in den Becher zurück. „Ich behalte den Becher am besten gleich in der Hand. Der Rebuaz hat bestimmt noch mehr Anschläge auf uns vor“, meinte Anton. Doch sie hatten die Macht des Zauberers überschätzt. Der mächtige Schutzzauber der guten Hexe war dem Rebuaz nicht verborgen geblieben. So konnte er die Menschenkinder nicht besiegen – also griff er zur List. Er zeigte sich ihnen in seinem goldenen Festgewand. Ein mächtiger spitzer goldener Hut bedeckte die pechschwarzen Haare, die bis zu den Knien fielen. Seine Füße steckten in Stiefeln aus rotem Samt, die mit Goldfäden bestickt waren. Und überall, auf dem Umhang, dem Hut und den Stiefeln, waren Drachen und Schlangen abgebildet. Auf der Stirn haftete in einer goldener Fassung das zweite „Sehende Auge“. Es schimmerte nur matt und schien nur äußerlich mit dem `Auge´ der Hexe identisch zu sein. Auf einem goldenen Thron sitzend, der Rebuaz war bestimmt dreimal so groß, wie ein normaler Mensch, empfing er die Menschenkinder. Betont freundlich begrüßte er sie: „Herzlich willkommen in meinem Reich! Es freut mich, ebenso mächtige Zauberer, wie ich einer bin, begrüßen zu können. Nehmt mir meine kleinen Überraschungen nicht übel. Ich wollte nur den Beweis, dass meine Gäste mächtig und mir ebenbürtig sind.“ Jetzt lächelte der Zauberer sogar und lud die Jungs mit einer Handbewegung zum Weitergehen ein. Doch die hielten einen gebührenden Abstand zu ihm.
„Ich möchte euch zum Willkommen mit Schätzen überhäufen. Nehmt sie als Geschenk!“ Und der Zauberer bewegte die Arme und aus den weiten Ärmeln seines Umhanges fielen edelste Diamanten, Saphire, Rubine, Smaragde. Wie ein Teppich breiteten sie sich vor den Kindern aus. „Nehmt und ihr seid reicher als jeder König in eurer Welt! Nehmt! Nehmt!“ Beschwörend sprach er dieses „Nehmt!“, immer und immer wieder. Wie benommen standen die Kinder, dann schüttelte sich Anton, so, als wollte er die Beschwörungen des Zauberers abschütteln. „Martin! Martin!“, zischelte er. Als Martin immer noch wie in Trance verharrte, stieß er ihn seinen Ellenbogen mit voller Kraft in die Seite. „Aua!“, schrie Martin. Der Zauberer dies sehen und damit erkennend, dass seine Beschwörung wirkungslos blieb, änderte sofort die Taktik.
„Wenn ihr nicht meine Schätze wollt, was wollt ihr dann? Als meine Gäste werde ich euch jeden Wunsch erfüllen!“ Mit einer großzügigen Handbewegung unterstrich er gönnerhaft seine Worte.
Martin, inzwischen wieder bei vollem Bewusstsein, schrie ihn an: „Wir wollen die geraubte Prinzessin!“
Der Zauberer blieb gönnerhaft. „Ja, wenn ihr weiter nichts wollt? Nehmt eure Prinzessin und verlasst dann mein Reich.“ Er klatschte dreimal in die Hände und junge Mädchen kamen und stellten sich im Kreis auf. Eine war schöner als die andere, alle trugen eine kleine Krone auf dem Kopf. „Nehmt eure Prinzessin und geht!“ Der Zauberer hatte sich erhoben. Jetzt war er nicht mehr gönnerhaft, jetzt befahl er. Dann sahen die Jungs sein hinterhältiges Lächeln. Was hatte der Zauberer jetzt im Sinn? Die Antwort kam sofort: „Die Prinzessin, die ihr auswählt, wird mit euch gehen. Egal, ob sie eine Prinzessin oder nur eine Vision ist. Das befiehlt der große Rebuaz!“
Stolz reckte er sich und rief: „Wählt!“
Anton flüsterte als Antwort auf Martins hilflosen Blick: „Martin, du bist der Bestimmer! Du musst die richtige Prinzessin auswählen!“
„Welche ist denn die richtige?“, fragte Martin leise zurück. Statt einer Antwort hielt ihm Anton den goldenen Becher hin. Er öffnete den Deckel und Martin bat: „Liebes, gutes sehendes und allwissendes Auge, ich Martin bitte dich, mir bei einer Entscheidung zu helfen. Wir wollen die Prinzessin befreien, aber wir haben sie noch nie gesehen. Also wissen wir auch nicht, wie sie aussieht. Kannst du uns die richtige Prinzessin zeigen?“
Und das `Sehende Auge´ begann zu leuchten, schwebte aus dem goldenen Topf und verschwand dann ebenso schnell wieder.
Verstört schaute Martin zu Anton. Der Zauberer, der diesen Vorgang zwar von weitem, aber mit „Adleraugen“ verfolgte hatte, höhnte: „Euer `Auge´ ist blind! Nehmt die Prinzessin und verlasst mein Reich! Sofort!“
Anton hatte nicht auf den Zauberer geachtet, sondern sich die Prinzessinnen angeschaut. Das „Sehende Auge“ war nicht erblindet und hatte doch Martins Bitte erfüllt. Ein kleines Mädchen, nicht älter als Martin, stand als einzige in der Reihe der Prinzessinnen, die eine goldene jetzt aber hell strahlende Krone auf ihren blonden Haaren trug. „Martin, sieh!“, flüsterte Anton. „Schau dir doch mal die Mädchen genauer an!“ Und Martin sah, was sein Bruder meinte. Nur zur Bestätigung fragte er Anton: „Du meinst die Kleinste?“ Und Anton nickte.
Mit forschem Schritt ging Martin zur richtigen Prinzessin, fasste sie an die Hand und zog sie aus dem Kreis der anderen Prinzessinnen. Kaum hatte das Mädchen den Kreis verlassen, verschwanden die anderen als Trugbilder des Rebuaz. Der schäumte vor Wut. Nochmals versuchte er, mit feurigen Blitzen die Jungs zu treffen. Doch der Schutzzauber der Hexe wirkte weiter. Nur die Prinzessin war nicht vor den Angriffen des Rebuaz geschützt.
„Beschütze du die Prinzessin! Ich knöpfe mir diesen Rebuaz vor!“, rief Anton. In einem günstigen Moment gelang es ihm, sich hinter einem Stein vor den Augen des Rebuaz zu verbergen. Martin schützte indessen mit seinem ganzen Körper das Mädchen. Zum Glück war sie mindestens einen Kopf kleiner als Martin. Dem Zauber des Rebuaz schien sie aber noch zu gehorchen. Zwar hatte sie sich von Martin aus dem Kreis wegführen lassen, sonst aber zeigte sie keinerlei Reaktionen. Sie sprach nicht, bewegte sich nicht, ihre ganze Haltung und ihr Gesichtsausdruck signalisierten: Ich, der mächtige Zauberer Rebuaz, beherrsche dieses Geschöpf!
Zum Glück für Anton war der Zauberer immer noch bemüht, Martin und das Mädchen zu vernichten. Doch der Schutzzauber war mächtig und so schäumte der Rebuaz vor Wut. Jeder neue abgeschlagene Angriff, ob das Feuerblitze oder giftige Fliegen, heiße Kübel mit Pech oder kleine fliegende Drachen mit messerscharfen Zähnen waren, vergrößerte die Wut des Zauberers. Er wollte nicht einsehen, dass der Schutzzauber der Hexe doch stärker war als seine Zauberkraft
Anton konnte, von Rebuaz unbemerkt, sich hinter den Zauberer schleichen. Jetzt stand er hinter dem goldenen Stuhl, auf dem Rebuaz in angespannter Haltung thronte. Antons Plan war eigentlich, dem Zauberer das zweite `Sehende Auge´ zu stehlen, um so seine Macht weiter zu verringern. Aber der Stuhl, auf dem der Zauberer saß, war viel zu hoch und damit war die Stirn des Zauberers mit dem `Auge´ für Anton nicht greifbar.
„Ich muss an dem Stuhl hochklettern. Nur so kann ich meinen Plan ausführen“, sagte sich Anton. Und vorsichtig, sehr vorsichtig zog er sich an der Rücklehne des Stuhles empor. Zum Glück gab es genügend Vorsprünge und goldene Trotteln, an denen er sich festklammern konnte. Nur einmal erwischte er das Gewand des Rebuaz, aber der hatte einen erneuten Wutausbruch und merkte nichts von dem Jungen, der hinter ihm hochkroch.
Als Anton jetzt den Kopf des Zauberers erreicht hatte, lugte er hinter ihm hervor. Er wünschte sich, dass Martin seine Gedanken erraten könnte. Wenn nämlich Martin den Zauberer ablenken würde, wäre es einfacher für Anton, das `Sehende Auge´ von der Stirn zu nehmen.
Und Martin entdeckte Antons Gesicht hinter dem Zauberer. Erstaunt und zugleich ängstlich rief er aus: „Vorsicht Anton! Vorsicht!“ Für Anton war das die Gelegenheit. Mit einer blitzschnellen Handbewegung griff er an des Zauberers Stirn und riss das `Auge´ aus der Fassung.
Das Wutgeheul des Rebuaz erschütterte die Berge, widerhallte und das Echo brach sich erneut an ihnen. Anton, das `Auge´ fest mit der Hand umschließend, rutschte an dem Stuhl hinunter und rannte so schnell er konnte hinter einen Steinwall. Dort öffnete er die Hand und bat: „`Sehendes Auge´ kannst du mir helfen? Was muss ich tun, um den Zauberer endgültig zu besiegen?“ Und das `Auge´ begann zu leuchten, strahlte in allen Farben und begann sich selbständig auf den Rebuaz zu bewegen. Der, dieses sehen, sackte in sich zusammen und schrie: „Nein! Nicht! Ich gebe meine Macht ab! Niemandem will ich mehr schaden!“
Das war jetzt kein mächtiger Herrscher, kein mächtiger Zauberer mehr, das war ein Jammerhaufen! Das `Auge´ flog um den Rebuaz und mit jeder Umkreisung erstarrte der Zauberer mehr und mehr. Als Rebuaz nur noch den Kopf bewegen konnte, blieb das `Auge´ über ihm stehen. Dunkelrot leuchtete es jetzt und hüllte die gesamte Umgebung in dieses Rot. Der Rebuaz gab nun keinen Laut mehr von sich, er war nur noch Stein.
Das `Auge´ hörte auf zu leuchten und kehrte zu Anton zurück. Just in diesem Moment erwachte die Prinzessin aus ihrer Starre. Sie hüpfte und trällerte, froh über ihre Befreiung. Dann eilte sie zu Martin und bedeckte sein Gesicht mit Küssen. „Du bist mein Retter, ich danke dir!“, rief sie zwischen den vielen Küssen. Als sich Anton zu den beiden gesellte, lief die Prinzessin zu ihm und wollte auch ihn mit ihren Küssen eindecken. Doch der wehrte nur lachend ab: „Mir gehört nicht der Dank! Ich war nur der Helfer, Martin war der Bestimmer und Kämpfer!“ Und so bekam der arme Martin noch eine geballte Kussserie ab.
Anton tat sein bestes, um Martin vor weiteren Kussattacken zu schützen. „Prinzessin, Martin, lasst uns schnell diesen Ort verlassen. Hinter den Toren fühle ich mich sicherer“, sagte Anton. Er wusste nicht wieso, aber ein dumpfes Gefühl sagte ihm, dass der Kampf mit dem Rebuaz noch nicht zu Ende sei.
Und so rannten sie, die Prinzessin an den Händen fassend, zu den Toren. Anton hatte sich nicht getäuscht. Selbst nach seinem Tode versuchte der Zauberer noch, seine Bezwinger zu bekämpfen. Der Ausgang zu den Toren war durch eine mächtige Mauer aus Gestein, dass glatt wie Glas war, versperrt. Ein Überklettern war nicht möglich. Nicht der kleinste Vorsprung gab einen Halt für Hände oder Füße. Sie hatten den Zauberer besiegt und nun doch verloren?
Sie setzten sich und beratschlagten. Aber eine Lösung fanden sie nicht.
„Das kann doch nicht sein, dass zum Schluss doch der Rebuaz triumphiert!“ Anton schrie seinen Ärger hinaus. Als Antwort begann das `Sehende Auge´ in Antons Tasche zu leuchten und schob sich vorsichtig aus derselben heraus. Dies entdeckte Martin, denn an seinem Jackenknopf begann das Mähnenhaar des Einhorns zu leuchten.
„Anton, sieh!“, rief Martin und zeigte auf dieses Haar. „Natürlich, unser Freund - das Einhorn!“, antwortete ihm Anton und schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn. „Das wir daran nicht gedacht haben.“ Er suchte sein Haar, aber das musste er verloren haben.
„Zerreiße dein Haar“, forderte er Martin auf. Und Martin tat dies. Antons `Auge´ verschwand wieder in der Tasche. Mit einem mächtigen Satz übersprang das Einhorn die große Mauer. „Mit euch auf dem Rücken kann ich diese Mauer nicht überspringen“, sagte es. „Doch ich kann sie niederreißen!“
Und es trabte zur Mauer und schlug mit seinen Hinterhufen wieder und wieder gegen die Steine. Zuerst war es nur ein kleines Loch. Doch die gewaltigen Schläge des Einhorns vergrößerten es schnell. Als eine Bresche entstanden war, fiel die gesamte Mauer in sich zusammen. „Das war die letzte Zauberei des Rebuaz“, erklärte das Einhorn und forderte die drei Kinder auf, seinen Rücken zu besteigen. Schon wollte Martin der Prinzessin beim Aufsitzen helfen, als Anton sie aufforderte: „Wartet damit! Schaut euch mal die Hufe des Einhorns an!“
Was sie sahen, machte sie bestürzt. Die Hufe des Einhorns bluteten stark. Das harte, glasartige und scharfkantige Gestein der Mauer hatten die Verletzungen hervorgerufen.
„Wir müssen versuchen, die Blutungen zu stillen“, schlug Anton vor. So suchten sie krampfhaft nach einem Tuch. Als Martin sein Taschentuch anbot, schlug Anton das Angebot mit der Bemerkung „Das war vielleicht mal vor einer Woche sauber!“ aus. Ihre Jacken und Hemden trugen ebenfalls Spuren von Schmutz. „Nehmt doch dies!“, rief die Prinzessin und begann, einen ihrer weißen und sehr weiten Überröcke – und davon trug sie als Prinzessin fünf - zu zerreißen. Mehrere Bahnen übergab sie Anton. „Sie sind auch sauber!“, bemerkte sie als Anton die Stoffbahnen misstrauisch beäugte. „Ich bin kein Schmutzfink!“
Schnell wurden die blutenden Wunden mit dem Rockstoff verbunden. Dann gingen die Brüder mit der Prinzessin und dem stark hinkenden Einhorn zu den Toren. Keinen Blick zurück in das ehemalige Reich des Bösen riskierten sie. Es war, als hätten sie Sorge, dass Rebuaz noch eine Gemeinheit gegen sie geplant hätte. Vor ihnen lag eine große Blumenwiese, die die Sonne in den prächtigsten Farben erstrahlen ließ. Kaum betraten sie diese Wiese, als alle Bewohner der Märchenwelt aus dem nahen Wald auf die Wiese liefen. Sie jubelten und tanzten vor Freude. Hoch am Himmel jagte der Teufel, am Schwanz seines Ziegenbocks Adelbert hängend, und schrie: „Hoch leben unsere Helden! Ein Hoch auf Martin und Anton, den Bezwingern des Rebuaz! Hoch lebe unsere liebliche Prinzessin!“
Der König gebot mit den Armen Ruhe und begann, eine Dankesrede zu halten. Doch Anton unterbrach ihn mitten im Satz. „Verzeiht, Majestät“, sagte er, „das Einhorn ist schwer verletzt und braucht dringend medizinische Hilfe.“
Sofort flog die gute Hexe auf ihrem Besen durch die Luft und landete direkt neben dem Einhorn. „O je! O je!“, klagte sie als sie den Notverband von den immer noch blutenden Wunden entfernt hatte. „Das sieht gar nicht gut aus!“ Sie entnahm ihrer Schürzentasche ein Döschen mit Salbe und bestrich damit die Wunden. Beschwörende Zauberformeln begleiteten ihr Tun. Die Wunden hörten auf zu bluten. Zufrieden bemerkte die Hexe: „In drei Tagen wird alles verheilt sein!“
Nun konnte der König seine Dankesrede halten. Allerdings ist in der Erinnerung der Jungs nur diese Aussagen der Majestät geblieben: „Wenn ihr uns besuchen wollt, so nehmt drei Schluck zu Mitternacht aus dem goldenen Becher. Immer werdet ihr bei uns willkommen sein!“
Den goldenen Becher hält Martin gut verschlossen. Nimmt er ihn heraus, um ihn zu betrachten, so kann er sich des Spotts seines älteren Bruders gewiss sein. „Na, Brüderchen“, heißt es dann, „willst du ins Märchenland und dir von deiner lieblichen Prinzessin neue Küsse schenken lassen?“ Was dann folgt, kann man sich denken: Die allerbeste Kampelei!
Der Vollständigkeit halber sei noch angemerkt, dass als Geschenk der gesamten Märchenwelt die Brüder die beiden `Sehenden Augen´ erhielten. Sie verloren zwar in der Menschenwelt ihre Zauberkraft, aber in der Gesteinssammlung der beiden erhielten sie einen Ehrenplatz: Es waren zwei besonders schöne Achate. Ein glücklicher Umstand während ihrer Entstehung gab ihnen die fast perfekte Nachbildung menschlicher Augen.
Vollmond im Elfenhain
Mit einem milden Lächeln blickte Vater Mond zur Erde. Langsam wanderte er über Dorf und Stadt, Wald und Feld. Er schaute zu den Kindern ins Fenster und sandte ihnen süße Träume. Er begleitete Menschen durch die Nacht, die noch spät unterwegs sein mussten. Langsam wanderte er weiter. Dort hinter dem Tannenwald erreichte er die Waldlichtung. Hier weilte der alte Mond besonders gerne. In den Vollmondnächten zur Sommerzeit trafen sich hier die Elfen und führten die schönsten Tänze auf. Dort die Kleine mit dem zarten türkisfarbenen Röckchen hatte Vater Mond besonders ins Herz geschlossen. Wie graziös sie sich im Tanze wiegte, es war eine Freude ihr zu zusehen. Warum schob sich nur gerade jetzt diese dicke, schwarze Wolke vor den Mond, er war etwas ungehalten. Als die Wolke endlich weiterzog, konnte er sich zwar weiterhin am Treiben der Elfen erfreuen, sein kleiner Schützling war jedoch verschwunden. In jede Ecke, unter jeden Strauch leuchtete der Mond, aber alles suchen war vergeblich. Betrübt zog er sich gegen morgen zurück um Frau Sonne den Platz am Himmel ein zu räumen. Weiter zog er seine Runde um die Erde, immer an die kleine Elfe denkend. ‚In der kommenden Nacht werde ich sie sicher wieder sehen‘ dachte er. Kaum konnte es Vater Mond erwarten die Waldlichtung zu erreichen. Auch in dieser Nacht schaute er vergeblich nach der Kleinen aus. ‚Da muss etwas geschehen sein‘ ließ es ihm keine Ruhe. Diesmal wollte er auf Frau Sonne warten um ihr seinen Verdacht mit zu teilen. ‚Auch wenn die Elfen sich vor der Sonne zurück ziehen ins Dickicht des Waldes, so konnte es doch sein, dass sie im Licht des Tages mehr sah als er mit seiner nächtlich, matten Leuchtkraft‘ dachte der Mond. Frau Sonne war gleich bereit Ausschau zu halten. Besonders aufmerksam sah sie in jeden Winkel der Waldwiese. Viel Freude bereitete es ihr dem eifrigen Treiben der Käfer und Insekten zuzusehen. Heute war jedoch einiges anders als sonst. ‚Wieso hatte sie es nicht gestern schon gemerkt wie still es auf der Wiese war‘ überlegte sie. Besorgt sah sie in jeden Winkel. War dort nicht ein Zipfel türkisfarbenen Stoffes? Lange sann sie nach, dann kam sie zu dem Entschluss den Sonnenvogel zu schicken. „Die kleine Elfe ist in Gefahr? Gerne helfe ich“ antwortete dieser als er die Geschichte kannte. Gleich flog er zur Wiese und verbarg sich dort in einem Ebereschenstrauch um von hieraus Ausschau zu halten. ‚Frau Sonne hatte schon recht, seltsam ruhig ist es hier‘ dachte der Vogel. Eine beengende Stille lastete auf der Lichtung. Dort unter einem schweren Stein, sah ein Stückchen des besagten Stoffes hervor. Nein bewegen konnte der Vogel diesen Stein nicht, aber beobachten. ‚Irgendwann wird schon etwas geschehen‘ dachte er bei sich. Es kam der Mittag, der Abend, die Nacht. Der Sonnenvogel wurde hungrig und müde, er rührte sich jedoch nicht von seinem Wachposten. Wenn er einmal einen Auftrag übernommen hatte, führte er ihn auch aus. In sanftes Mondlicht war die Elfenwiese getaucht, als der Vogel ein Geräusch wahrnahm. Langsam bewegte sich der schwere Stein von der darunter liegenden Höhle. Zum Vorschein kam ein Gnom. Er reckte sich, blickte um sich und sang „Mir gehört das Reich allein, hier werden nie mehr Elfen sein“. ‚Nicht mehr lange‘ nahm sich der Sonnenvogel vor, breitete seine Flügel aus, ließ sich gleiten und flog immer im Kreis um den Gnom herum. Verzweifelt hielt sich dieser die Hände vor die Augen, vom grellen Licht des Sonnenvogels geblendet. Zusehens schrumpfte er zusammen da er das Licht der Sonne nicht vertragen konnte. Der Vogel näherte sich jetzt der Höhle und rief „kleines Elfchen komm herbei, sieh du bist nun wieder frei“. Mit zerrissenem Kleidchen, verschmutzt und mit wirrem Haar erschien die Elfe am Eingang der Höhle. „Setz dich auf meinen Rücken“ forderte der Vogel auf „ wir fliegen zum Bach, dort kannst du baden, dann fliegen wir zum Mond der bestimmt schon ein neues Kleid für dich aus Mondenschein gewebt hat. Jetzt ging ein Lächeln über das Gesicht des kleinen Wesens. Wie froh war der alte Mond, dass alles so gut ausgegangen war. Der Gnom schleppte sich mit letzter Kraft in sein unterirdisches Reich. Krachend verschloss der Stein für die nächsten hundert Jahre die Höhle. Auf der Wiese ging das Leben mit frohem Tanze weiter bis sich der Sommer verabschiedete und der Herbst einzog.
Die Nixe im Teich
Die Nixe im Teich
Es war einmal ein Müller, der führte mitseiner Frau ein vergnügtes Leben. Sie hatten Geldund Gut, und ihr Wohlstand nahm von Jahr zu Jahr noch zu.Aber Unglück kommt über Nacht; wie ihr Reichtumgewachsen war, so schwand er von Jahr zu Jahr wieder hin,und zuletzt konnte der Müller kaum noch dieMühle, in der er saß, sein Eigentum nennen. Erwar voll Kummer, und wenn er sich nach der Arbeit desTages niederlegte, so fand er keine Ruhe, sondernwälzte sich voll Sorgen in seinem Bett. EinesMorgens stand er schon vor Tagesanbruch auf, ging hinausins Freie und dachte, es sollte ihm leichter ums Herzwerden. Als er über den Mühldamm dahinschritt,brach eben der erste Sonnenstrahl hervor, und erhörte in dem Weiher etwas rauschen. Er wendete sichum und erblickte ein schönes Weib, das sich langsamaus dem Wasser erhob. Ihre langen Haare, die sieüber den Schultern mit ihren zarten Händengefaßt hatte, flossen an beiden Seiten herab undbedeckten ihren weißen Leib. Er sah wohl, daßes die Nixe des Teiches war und wußte vor Furchtnicht, ob er davongehen oder stehen bleiben sollte. Aberdie Nixe ließ ihre sanfte Stimme hören, nannteihn bei Namen und fragte, warum er so traurig wäre.Der Müller war anfangs verstummt; als er sie aber sofreundlich sprechen hörte, faßte er sich einHerz und erzählte ihr, daß er sonst inGlück und Reichtum gelebt hätte, aber jetzt soarm wäre, daß er sich nicht zu ratenwüßte. „Sei ruhig", antwortete dieNixe, „ich will dich reicher und glücklichermachen, als du je gewesen bist; nur mußt du mirversprechen, daß du mir geben willst, was eben indeinem Hause jung geworden ist." - Was kann dasanders sein, dachte der Müller, als ein junger Hundoder ein junges Kätzchen, und sagte ihr zu, was sieverlangte. Die Nixe stieg wieder in das Wasser hinab, under eilte getröstet und guten Mutes nach seinerMühle. Noch hatte er sie nicht erreicht, da trat dieMagd aus der Haustür und rief ihm zu er sollte sichfreuen, seine Frau hätte ihm einen kleinen Knabengeboren. Der Müller stand wie vom Blitzgerührt; er sah wohl, daß die tückischeNixe das gewußt und ihn betrogen hatte. Mitgesenktem Haupt trat er zu dem Bett seiner Frau, und alssie ihn fragte: „Warum freust du dich nichtüber den schönen Knaben?" so erzählteer ihr, was ihm begegnet war und was für einVersprechen er der Nixe gegeben hatte. „Was hilftmir Glück und Reichtum", fügte er hinzu,„wenn ich mein Kind verlieren soll? Aber was kannich tun?" Auch die Verwandten, die herbeigekommenwaren, Glück zu wünschen, wußten keinenRat. Indessen kehrte das Glück in das Haus desMüllers wieder ein. Was er unternahm, gelang; eswar, als ob Kisten und Kasten sich von selbstfüllten und das Geld im Schrank in der Nacht sichmehrte. Es dauerte nicht lange, so war sein Reichtumgrößer als je zuvor. Aber er konnte sich nichtungestört darüber freuen: die Zusage, die erder Nixe getan hatte, quälte sein Herz. So oft er andem Teich vorbeikam, fürchtete er, sie möchteauftauchen und ihn an seine Schuld mahnen. Den Knabenselbst ließ er nicht in die Nähe des Wassers.„Hüte dich", sagte er zu ihm, „wenndu das Wasser berührst, so kommt eine Hand heraus,hascht dich und zieht dich hinab!" Doch als Jahr aufJahr verging, und die Nixe sich nicht wieder zeigte, sofing der Müller an, sich zu beruhigen. Der Knabe wuchs zum Jüngling heran und kam beieinem Jäger in die Lehre. Als er ausgelernt hatteund ein tüchtiger Jäger geworden war, nahm ihnder Herr des Dorfes in seine Dienste. In dem Dorf war einschönes und treues Mädchen, das gefiel demJäger, und als sein Herr das bemerkte, schenkte erihm ein kleines Haus. Die beiden hielten Hochzeit, lebtenruhig und glücklich und liebten sich von Herzen. Einstmals verfolgte der Jäger ein Reh. Als dasTier aus dem Wald in das freie Feld ausbog, setzte er ihmnach und streckte es endlich mit einem Schußnieder. Er bemerkte nicht, daß er sich in derNähe des gefährlichen Weihers befand, und ging,nachdem er das Tier ausgeweidet hatte, zu dem Wasser, umseine blutbefleckten Hände zu waschen. Kaum hatte ersie hineingetaucht, als die Nixe emporstieg, lachend mitihren nassen Armen ihn umschlang und so schnell hinabzog,daß die Wellen über ihnen zusammenschlugen. Als es Abend war und der Jäger nicht nach Hauskam, so geriet seine Frau in Angst. Sie ging aus ihn zusuchen, und da er ihr oft erzählt hatte, daßer sich vor den Nachstellungen der Nixe in acht nehmenmüßte und sich nicht in die Nähe desWeihers wagen dürfte, so ahnte sie schon, wasgeschehen war. Sie eilte zu dem Wasser, und als sie amUfer seine Jägertasche liegen fand, da konnte sienicht länger an dem Unglück zweifeln.Wehklagend und händeringend rief sie ihren Liebstenmit Namen, aber vergeblich; sie eilte hinüber aufdie andere Seite des Weihers und rief ihn auf neue; sieschalt die Nixe mit harten Worten, aber keine Antworterfolgte. Der Spiegel des Wassers blieb ruhig, nur dasHalbgesicht des Mondes blickte unbewegt zu ihr herauf. Die arme Frau verließ den Teich nicht. Mitschnellen Schritten, ohne Rast und Ruhe, umkreiste sieihn immer von neuem, manchmal still, manchmal einenheftigen Schrei ausstoßend, manchmal in leisemWimmern. Endlich waren ihren Kräfte zu Ende; siesank zur Erde nieder und fiel in einen tiefen Schlaf.Bald überkam sie ein Traum. Sie stieg zwischen großen Felsblöckenangstvoll aufwärts; Dornen und Ranken hakten sich anihren Füßen, der Regen schlug ihr ins Gesicht,und der Wind zauste ihr langes Haar. Als sie dieAnhöhe erreicht hatte, bot sich ein ganz andererAnblick dar. Der Himmel war blau, die Luft mild, derBoden senkte sich sanft hinab, und auf einer grünen,buntbeblümten Wiese stand eine reinliche Hütte.Sie ging darauf zu und öffnete die Tür, dasaß eine Alte mit weißen Haaren, die ihrfreundlich winkte. In dem Augenblick erwachte die armeFrau. Der Tag war schon angebrochen, und sieentschloß sich gleich, dem Traum Folge zu leisten.Sie stieg mühsam den Berg hinauf, und es war allesso, wie sie es in der Nacht gesehen hatte. Die Alteempfing sie freundlich und zeigte ihr einen Stuhl, aufden sie sich setzen sollte. „Du mußt einUnglück erlebt haben", sagte sie, „weil dumeine einsame Hütte aufsuchst." Die Frauerzählte ihr unter Tränen, was ihr begegnetwar. „Tröste dich", sagte die Alte,„ich will dir helfen; da hast du einen goldenenKamm. Harr, bis der Vollmond aufgestiegen ist, dann gehezu dem Weiher, setze dich am Rand nieder und strähledein langes, schwarzes Haar mit diesem Kamm! Wenn du aberfertig bist, so lege ihn am Ufer nieder, und du wirstsehen, was geschieht!" Die Frau kehrte zurück, aber die Zeit bis zumVollmond verstrich ihr langsam. Endlich erschien dieleuchtende Scheibe am Himmel; da ging sie hinaus an denWeiher und kämmte ihre langen, schwarzen Haare mitdem goldenen Kamm, und als sie fertig war, legte sie ihnan den Rand des Wassers nieder. Nicht lange, so braustees aus der Tiefe, eine Welle erhob sich, rollte an dasUfer und führte den Kamm mit sich fort. Es dauertenicht länger, als der Kamm nötig hatte, auf denGrund zu sinken, so teilte sich der Wasserspiegel und derKopf des Jägers stieg in die Höhe. Er sprachnicht, schaute aber seine Frau mit traurigen Blicken an.In demselben Augenblick kam eine zweite Welleherangerauscht und bedeckte das Haupt des Mannes. Alleswar verschwunden, der Weiher lag so ruhig wie zuvor, undnur das Gesicht des Vollmondes glänzte darauf. Trostlos kehrte die Frau zurück, doch der Traumzeigte ihr die Hütte der Alten. Abermals machte siesich am nächsten Morgen auf den Weg und klagte derweisen Frau ihr Leid. Die Alte gab ihr eine goldeneFlöte und sprach: „Harre, bis der Vollmondwieder kommt; dann nimm diese Flöte, setze dich andas Ufer, blas ein schönes Lied darauf, und wenn dudamit fertig bist, so lege sie auf den Sand; du wirstsehen, was geschieht!" Die Frau tat, wie die Alte gesagt hatte. Kaum lag dieFlöte auf dem Sand, so brauste es aus der Tiefe;eine Welle, erhob sich, zog heran und führte dieFlöte mit sich fort. Bald darauf teilte sich dasWasser, und nicht bloß der Kopf, auch der Mann biszur Hälfte des Leibes stieg hervor. Er breitete vollVerlangen seine Arme nach ihr aus; aber eine zweite Wellerauschte heran, bedeckte ihn und zog ihn wieder hinab.
„Ach, was hilft es mir", sagte dieUnglückliche, „daß ich meinen Liebstennur erblicke, um ihn wieder zu verlieren!" Der Gramerfüllte aufs neue ihr Herz, aber der Traumführte sie zum drittenmal in das Haus der Alten. Siemachte sich auf den Weg, und die weise Frau gab ihr eingoldenes Spinnrad, tröstete sie und sprach: „Esist noch nicht alles vollbracht, harre, bis der Vollmondkommt, dann nimm das Spinnrad, setze dich an das Ufer undspinn die Spule voll; und wenn du fertig bist, so stelledas Spinnrad nahe an das Wasser, und du wirst sehen, wasgeschieht!" Die Frau befolgte alles genau. Sobald der Vollmondsich zeigte, trug sie das goldene Spinnrad an das Uferund spann emsig, bis der Flachs zu Ende und die Spule mitdem Faden ganz angefüllt war. Kaum aber stand dasRad am Ufer, so brauste es noch heftiger als sonst in derTiefe des Wassers, eine mächtige Welle eilte herbeiund trug das Rad mit sich fort. Alsbald stieg mit einemWasserstrahl der Kopf und der ganze Leib des Mannes indie Höhe. Schnell sprang er ans Ufer, faßteseine Frau an der Hand und entfloh. Aber kaum hatten siesich eine kleine Strecke entfernt, so erhob sich mitentsetzlichem Brausen der ganze Weiher und strömtemit reißender Gewalt in das weite Feld hinein.Schon sahen die Fliehenden ihren Tod vor Augen; da riefdie Frau in ihrer Angst die Hilfe der Alten an, und indem Augenblick waren sie verwandelt, sie in eineKröte, er in einen Frosch. Die Flut, die sieerreicht hatte, konnte sie nicht töten, aber sieriß sie beide voneinander und führte sie weitweg. Als das Wasser sich verlaufen hatte und beide wiederden trockenen Boden berührten, so kam ihremenschliche Gestalt zurück. Aber keines wußte,wo das andere geblieben war; sie befanden sich unterfremden Menschen, die ihre Heimat nicht kannten. HoheBerge und tiefe Täler lagen zwischen ihnen. Um sichdas Leben zu erhalten, mußten beide die Schafehüten. Sie trieben lange Jahre ihre Herden durchFeld und Wald und waren voll Trauer und Sehnsucht. Als wieder einmal der Frühling aus der Erdehervorgebrochen war, zogen beide an einem Tag mit ihrenHerden aus, und der Zufall wollte, daß sie einanderentgegenzogen. Er erblickte an einem fernen Bergesabhangeine Herde und trieb seine Schafe nach der Gegend hin.Sie kamen in einem Tal zusammen, aber sie erkannten sichnicht; doch freuten sie sich, daß sie nicht mehr soeinsam waren. Von nun an trieben sie jeden Tag ihre Herdenebeneinander; sie sprachen nicht viel, aber siefühlten sich getröstet. Eines Abends, als derVollmond am Himmel schien und die Schafe schon ruhten,holte der Schäfer die Flöte aus seiner Tascheund blies ein schönes, aber trauriges Lied. Als erfertig war, bemerkte er, daß die Schäferinbitterlich weinte. „Warum weinst du?" fragteer. „Ach", antwortete sie, „so schien auchder Vollmond, als ich zum letztenmal dieses Lied auf derFlöte blies und das Haupt meines Liebsten aus demWasser hervorkam." Er sah sie an, und es war ihm,als fiele eine Decke von den Augen, er erkannte seineliebste Frau; und als sie ihn anschaute und der Mond aufsein Gesicht schien, erkannte sie ihn auch. Sie umarmtenund küßten sich, und ob sie glückseligwaren, braucht keiner zu fragen.
Das Herz aus Glas
Es gibt Menschen mit gläsernen Herzen. Wenn man leise daran rührt, klingen sie so fein wie silberne Glocken. Stößt man jedoch derb daran, so gehen sie entzwei. Da war nun auch ein Königspaar, das besaß drei Töchter, und alle drei hatten gläserne Herzen. "Kinder", sagte die Königin, "nehmt euch mit euren Herzen in acht, sie sind eine zerbrechliche Ware!" Und sie taten es auch. Eins Tages jedoch lehnte sich die älteste Schwester zum Fenster hinaus über die Brüstung und sah hinab in den Garten, wie die Bienen und Schmetterlinge um die Levkojen flogen. Dabei drückte sie sich ihr Herz: kling! ging es, wie wenn etwas zerspringt, und sie fiel hin und war tot. Wieder nach einiger Zeit trank die zweite Tochter eine Tasse zu heißen Kaffee. Da gab es abermals einen Klang, wie wenn ein Glas springt, nur etwas feiner wie das erstemal, und auch sie fiel um. Da hob sie ihre Mutter auf und besah sie, merkte aber bald zu ihrer Freude, daß sie nicht tot war, sondern daß ihr Herz nur einen Sprung bekommen hatte, jedoch noch hielt. "Was sollen wir nun mit unserer Tochter anfangen?" ratschlagten der König und die Königin. "Sie hate einen Sprung im Herzen, und wenn er auch nur fein ist, so wird es doch leicht ganz entzweigehen. Wir müssen sie sehr in acht nehmen." Aber die Prinzessin sagte: "Laßt mich nur! Manchmal hält das, was einen Sprung bekommen hat, nachher gerade noch recht lange!" – Indessen war die jüngste Königstochter auch groß geworden und so schön, gut und verständig, daß von allen Seiten Königssöhne herbeiströmten und um sie freiten. Doch der alte König war durch Schaden klug geworden und sagte: "Ich habe nur noch eine ganze Tochter, und auch die hat ein gläsernes Herz. Soll ich sie jemandem geben, so muß es ein König sein, der zugleich Glaser ist und mit so zerbrechlicher Ware umzugehen versteht." Allein es war unter den vielen Freiern nicht einer, der sich gleichzeitig auf die Glaserei gelegt hätte, und so mußten sie alle wieder abziehen. – Da war nun unter den Edelknaben im Schloß des Königs einer, der war beinahe fertig. Wenn er noch dreimal der jüngsten Königstochter die Schleppe getragen hatte, so war er Edelmann. Dann gratulierte ihm der König und sagte ihm: "Du bist nun fertig und Edelmann. Ich danke dir. Du kannst gehen." Als er nun das erstemal der Prinzessin die Schleppe trug, sah er, daß sie einen ganz königlichen Gang hatte. Als er sie ihr das zweitemal trug, sagte die Prinzessin: "Laß einmal einen Augenblick die Schleppe los, gib mir deine Hand und führe mich die Treppe hinauf, aber fein zierlich, wie es sich für einen Edelknaben, der eine Königstochter führt, schickt." Als er dies tat, sah er, daß sie auch eine ganz königliche Hand hatte. Sie aber merkte auch etwas; was es aber war, will ich erst nachher sagen. Endlich, als er ihr das drittemal die Schleppe trug, drehte sich die Königstochter um und sagte zu ihm: "Wie reizend du mir meine Schleppe trägst! So reizend hat sie mir noch keiner getragen." Da merkte der Edelknabe, daß sie auch eine ganz königliche Sprache führte. Damit war er nun aber fertig und Edelmann. Der König dankte und gratulierte ihm und sagte, er könne nun gehen. Als er ging, stand die Königstochter an der Gartentüre und sprach zu ihm: "Du hast mir so reizend die Schleppe getragen wie kein anderer. Wenn du doch Glaser und König wärst!" Darauf antwortete er, er wolle sich alle Mühe geben, es zu werden; sie möge nur auf ihn warten, er käme gewiß wieder. Er ging also zu einem Glaser und fragte ihn, ob er nicht einen Glaserjungen gebrauchen könne. "Jawohl", erwiderte dieser, "aber du mußt vier Jahre bei mir lernen. Im ersten Jahr lernst du die Semmeln vom Bäcker holen und die Kinder waschen, kämmen und anziehen. Im zweiten lernst du die Ritzen mit Kitt verschmieren, im dritten Glas schneiden und einsetzen, und im vierten wirst du Meister." Darauf fragte er den Glaser, ob er nicht von hinten anfangen könne, weil es dann doch schneller ging. Indes der Glaser bedeutete ihm, daß ein ordentlicher Glaser immer von vorn anfangen müsse, sonst würde nichts Gescheites daraus. Damit gab er sich zufrieden. Im ersten Jahre holte er also die Semmeln vom Bäcker, wusch und kämmte die Kinder und zog sie an. Im zweiten verschmierte er die Ritzen mit Kitt, im dritten lernte er Glas schneiden und einsetzen, und im vierten Jahre wurde er Meister. Darauf zog er sich wieder seine Edelmannskleider an, nahm Abschied von seinem Lehrherrn und überlegte sich, wie er es anfinge, um nun auch noch König zu werden. Während er so auf der Straße, ganz in Gedanken versunken, einherging und aufs Pflaster sah, trat ein Mann an ihn heran und fragte, ob er etwas verloren habe, daß er immer so auf die Erde sähe. Da erwiderte er: verloren habe er zwar nichts, aber suchen täte er doch etwas, nämlich ein Königreich; und fragte ihn, ob er nicht wisse, was er zu beginnen habe, um König zu werden. "Wenn du ein Glaser wärst", sagte der Mann, "wüßte ich schon Rat." "Ich bin ja gerade ein Glaser!" antwortete er, "und eben fertig geworden!" Als er dies gesagt, erzählte ihm der Mann die Geschichte von den drei Schwestern mit den gläsernen Herzen, und wie der alte König durchaus seine Tochter nur einem Glaser vermählen wolle. "Anfangs", so sprach er, "war noch die Bedingung, daß der Glaser, der sie bekäme, auch noch ein König oder ein Königssohn sein müsse; weil sich aber keiner finden will, der alles beides ist, Glaser und König zugleich, so hat er etwas nachgegeben, wie es der Klügste immer tun muß, und zwei andere Bedingungen gestellt. Glaser muß er freilich immer noch sein, dabei bleibt es!" "Welches sind denn die beiden Bedingungen?" fragte der junge Edelmann. "Er muß der Prinzessin gefallen und Samtpatschen haben. Kommt nun ein Glaser, welcher der Prinzessin gefällt und auch Samtpatschen hat, so will ihm der König seine Tochter geben und ihn später, wenn er tot ist, zum König machen. Es sind nun auch schon eine Menge Glaser auf dem Schloß gewesen, aber der Prinzessin wollte keiner gefallen. Außerdem hatten sie auch alle keine Samtpatschen, sondern grobe Hände, wie das von gewöhnlichen Glasern nicht anders zu erwarten ist." Als dies der junge Edelmann vernommen, ging er in das Schloß, entdeckte sich dem König, erinnerte ihn daran, wie er bei ihm Edelknabe gewesen sei, und erzählte ihm, daß er seiner Tochter zuliebe Glaser geworden und sie nun gar gern heiraten und nach seinem Tode König werden wolle. Da ließ der König die Prinzessin rufen und fragte sie, ob der junge Edelmann ihr gefiele, und als sie dies bejahte, weil sie ihn gleich erkannte, sagte er dann weiter, er solle nun auch seine Handschuhe ausziehen und zeigen, ob er auch Samtpatschen habe. Aber die Prinzessin meinte, dies sei unnötig, sie wisse es ganz genau, daß er wirklich Samtpatschen habe. Sie hätte es schon damals gemerkt, als er sie die Treppe hinaufgeführt hätte. So waren denn beide Bedingungen erfüllt, und da die Prinzessin einen Glaser zum Mann bekam und noch dazu einen mit Samtpatschen, so nahm er ihr Herz sehr in acht, und es hielt bis an ihr seliges Ende. Die zweite Schwester aber, welche schon den Sprung hatte, wurde die Tante, und zwar die allerbeste Tante der Welt. Dies versicherten nicht bloß die Kinder, welche der junge Edelmann und die Prinzessin zusammen bekamen, sondern auch alle anderen Leute. Die kleinen Prinzessinnen lehrte sie lesen, beten und Puppenkleider machen; den Prinzen aber besah sie die Zensuren. Wer eine gute Zensur hatte, wurde sehr gelobt und bekam etwas geschenkt; hatte aber einmal einer eine schlechte Zensur, dann gab sie ihm einen Katzenkopf und sprach: "Sage einmal, sauberer Prinz, was du dir eigentlich vorstellst? Was willst du später einmal werden? Heraus mit der Sprache! Nun, wird‘s bald?" Und wenn er dann schnuckste und sagte: "Kö-Kö-Kö-König!" lachte sie und fragte: "König! Wohl König Midas? König Midas Hochgeboren mit zwei langen Eselsohren!" Dann schämte sich der, welcher die schlechte Zensur bekommen hatte, gewaltig. Und auch diese zweite Prinzessin wurde steinalt, obwohl ihr Herz einen Sprung hatte. Wenn sich jemand darüber wunderte, sagte sie regelmäßig: "Was in der Jugend einen Sprung kriegt und geht nicht gleich entzwei, das hält nachher oft gerade noch recht lange." – Und das ist auch wahr. Denn meine Mutter hat auch so ein altes Sahnetöpfchen, weiß, mit kleinen bunten Blumensträußchen besät, das hat einen Sprung, solange ich denken kann, und hält immer noch; und seit es meine Mutter hat, sind schon so viele neue Sahnetöpfchen gekauft und immer wieder zerbrochen worden, daß man sie gar nicht zählen kann.
Es war einmal ein Müller, der führte mitseiner Frau ein vergnügtes Leben. Sie hatten Geldund Gut, und ihr Wohlstand nahm von Jahr zu Jahr noch zu.Aber Unglück kommt über Nacht; wie ihr Reichtumgewachsen war, so schwand er von Jahr zu Jahr wieder hin,und zuletzt konnte der Müller kaum noch dieMühle, in der er saß, sein Eigentum nennen. Erwar voll Kummer, und wenn er sich nach der Arbeit desTages niederlegte, so fand er keine Ruhe, sondernwälzte sich voll Sorgen in seinem Bett. EinesMorgens stand er schon vor Tagesanbruch auf, ging hinausins Freie und dachte, es sollte ihm leichter ums Herzwerden. Als er über den Mühldamm dahinschritt,brach eben der erste Sonnenstrahl hervor, und erhörte in dem Weiher etwas rauschen. Er wendete sichum und erblickte ein schönes Weib, das sich langsamaus dem Wasser erhob. Ihre langen Haare, die sieüber den Schultern mit ihren zarten Händengefaßt hatte, flossen an beiden Seiten herab undbedeckten ihren weißen Leib. Er sah wohl, daßes die Nixe des Teiches war und wußte vor Furchtnicht, ob er davongehen oder stehen bleiben sollte. Aberdie Nixe ließ ihre sanfte Stimme hören, nannteihn bei Namen und fragte, warum er so traurig wäre.Der Müller war anfangs verstummt; als er sie aber sofreundlich sprechen hörte, faßte er sich einHerz und erzählte ihr, daß er sonst inGlück und Reichtum gelebt hätte, aber jetzt soarm wäre, daß er sich nicht zu ratenwüßte. „Sei ruhig", antwortete dieNixe, „ich will dich reicher und glücklichermachen, als du je gewesen bist; nur mußt du mirversprechen, daß du mir geben willst, was eben indeinem Hause jung geworden ist." - Was kann dasanders sein, dachte der Müller, als ein junger Hundoder ein junges Kätzchen, und sagte ihr zu, was sieverlangte. Die Nixe stieg wieder in das Wasser hinab, under eilte getröstet und guten Mutes nach seinerMühle. Noch hatte er sie nicht erreicht, da trat dieMagd aus der Haustür und rief ihm zu er sollte sichfreuen, seine Frau hätte ihm einen kleinen Knabengeboren. Der Müller stand wie vom Blitzgerührt; er sah wohl, daß die tückischeNixe das gewußt und ihn betrogen hatte. Mitgesenktem Haupt trat er zu dem Bett seiner Frau, und alssie ihn fragte: „Warum freust du dich nichtüber den schönen Knaben?" so erzählteer ihr, was ihm begegnet war und was für einVersprechen er der Nixe gegeben hatte. „Was hilftmir Glück und Reichtum", fügte er hinzu,„wenn ich mein Kind verlieren soll? Aber was kannich tun?" Auch die Verwandten, die herbeigekommenwaren, Glück zu wünschen, wußten keinenRat. Indessen kehrte das Glück in das Haus desMüllers wieder ein. Was er unternahm, gelang; eswar, als ob Kisten und Kasten sich von selbstfüllten und das Geld im Schrank in der Nacht sichmehrte. Es dauerte nicht lange, so war sein Reichtumgrößer als je zuvor. Aber er konnte sich nichtungestört darüber freuen: die Zusage, die erder Nixe getan hatte, quälte sein Herz. So oft er andem Teich vorbeikam, fürchtete er, sie möchteauftauchen und ihn an seine Schuld mahnen. Den Knabenselbst ließ er nicht in die Nähe des Wassers.„Hüte dich", sagte er zu ihm, „wenndu das Wasser berührst, so kommt eine Hand heraus,hascht dich und zieht dich hinab!" Doch als Jahr aufJahr verging, und die Nixe sich nicht wieder zeigte, sofing der Müller an, sich zu beruhigen. Der Knabe wuchs zum Jüngling heran und kam beieinem Jäger in die Lehre. Als er ausgelernt hatteund ein tüchtiger Jäger geworden war, nahm ihnder Herr des Dorfes in seine Dienste. In dem Dorf war einschönes und treues Mädchen, das gefiel demJäger, und als sein Herr das bemerkte, schenkte erihm ein kleines Haus. Die beiden hielten Hochzeit, lebtenruhig und glücklich und liebten sich von Herzen. Einstmals verfolgte der Jäger ein Reh. Als dasTier aus dem Wald in das freie Feld ausbog, setzte er ihmnach und streckte es endlich mit einem Schußnieder. Er bemerkte nicht, daß er sich in derNähe des gefährlichen Weihers befand, und ging,nachdem er das Tier ausgeweidet hatte, zu dem Wasser, umseine blutbefleckten Hände zu waschen. Kaum hatte ersie hineingetaucht, als die Nixe emporstieg, lachend mitihren nassen Armen ihn umschlang und so schnell hinabzog,daß die Wellen über ihnen zusammenschlugen. Als es Abend war und der Jäger nicht nach Hauskam, so geriet seine Frau in Angst. Sie ging aus ihn zusuchen, und da er ihr oft erzählt hatte, daßer sich vor den Nachstellungen der Nixe in acht nehmenmüßte und sich nicht in die Nähe desWeihers wagen dürfte, so ahnte sie schon, wasgeschehen war. Sie eilte zu dem Wasser, und als sie amUfer seine Jägertasche liegen fand, da konnte sienicht länger an dem Unglück zweifeln.Wehklagend und händeringend rief sie ihren Liebstenmit Namen, aber vergeblich; sie eilte hinüber aufdie andere Seite des Weihers und rief ihn auf neue; sieschalt die Nixe mit harten Worten, aber keine Antworterfolgte. Der Spiegel des Wassers blieb ruhig, nur dasHalbgesicht des Mondes blickte unbewegt zu ihr herauf. Die arme Frau verließ den Teich nicht. Mitschnellen Schritten, ohne Rast und Ruhe, umkreiste sieihn immer von neuem, manchmal still, manchmal einenheftigen Schrei ausstoßend, manchmal in leisemWimmern. Endlich waren ihren Kräfte zu Ende; siesank zur Erde nieder und fiel in einen tiefen Schlaf.Bald überkam sie ein Traum. Sie stieg zwischen großen Felsblöckenangstvoll aufwärts; Dornen und Ranken hakten sich anihren Füßen, der Regen schlug ihr ins Gesicht,und der Wind zauste ihr langes Haar. Als sie dieAnhöhe erreicht hatte, bot sich ein ganz andererAnblick dar. Der Himmel war blau, die Luft mild, derBoden senkte sich sanft hinab, und auf einer grünen,buntbeblümten Wiese stand eine reinliche Hütte.Sie ging darauf zu und öffnete die Tür, dasaß eine Alte mit weißen Haaren, die ihrfreundlich winkte. In dem Augenblick erwachte die armeFrau. Der Tag war schon angebrochen, und sieentschloß sich gleich, dem Traum Folge zu leisten.Sie stieg mühsam den Berg hinauf, und es war allesso, wie sie es in der Nacht gesehen hatte. Die Alteempfing sie freundlich und zeigte ihr einen Stuhl, aufden sie sich setzen sollte. „Du mußt einUnglück erlebt haben", sagte sie, „weil dumeine einsame Hütte aufsuchst." Die Frauerzählte ihr unter Tränen, was ihr begegnetwar. „Tröste dich", sagte die Alte,„ich will dir helfen; da hast du einen goldenenKamm. Harr, bis der Vollmond aufgestiegen ist, dann gehezu dem Weiher, setze dich am Rand nieder und strähledein langes, schwarzes Haar mit diesem Kamm! Wenn du aberfertig bist, so lege ihn am Ufer nieder, und du wirstsehen, was geschieht!" Die Frau kehrte zurück, aber die Zeit bis zumVollmond verstrich ihr langsam. Endlich erschien dieleuchtende Scheibe am Himmel; da ging sie hinaus an denWeiher und kämmte ihre langen, schwarzen Haare mitdem goldenen Kamm, und als sie fertig war, legte sie ihnan den Rand des Wassers nieder. Nicht lange, so braustees aus der Tiefe, eine Welle erhob sich, rollte an dasUfer und führte den Kamm mit sich fort. Es dauertenicht länger, als der Kamm nötig hatte, auf denGrund zu sinken, so teilte sich der Wasserspiegel und derKopf des Jägers stieg in die Höhe. Er sprachnicht, schaute aber seine Frau mit traurigen Blicken an.In demselben Augenblick kam eine zweite Welleherangerauscht und bedeckte das Haupt des Mannes. Alleswar verschwunden, der Weiher lag so ruhig wie zuvor, undnur das Gesicht des Vollmondes glänzte darauf. Trostlos kehrte die Frau zurück, doch der Traumzeigte ihr die Hütte der Alten. Abermals machte siesich am nächsten Morgen auf den Weg und klagte derweisen Frau ihr Leid. Die Alte gab ihr eine goldeneFlöte und sprach: „Harre, bis der Vollmondwieder kommt; dann nimm diese Flöte, setze dich andas Ufer, blas ein schönes Lied darauf, und wenn dudamit fertig bist, so lege sie auf den Sand; du wirstsehen, was geschieht!" Die Frau tat, wie die Alte gesagt hatte. Kaum lag dieFlöte auf dem Sand, so brauste es aus der Tiefe;eine Welle, erhob sich, zog heran und führte dieFlöte mit sich fort. Bald darauf teilte sich dasWasser, und nicht bloß der Kopf, auch der Mann biszur Hälfte des Leibes stieg hervor. Er breitete vollVerlangen seine Arme nach ihr aus; aber eine zweite Wellerauschte heran, bedeckte ihn und zog ihn wieder hinab.
„Ach, was hilft es mir", sagte dieUnglückliche, „daß ich meinen Liebstennur erblicke, um ihn wieder zu verlieren!" Der Gramerfüllte aufs neue ihr Herz, aber der Traumführte sie zum drittenmal in das Haus der Alten. Siemachte sich auf den Weg, und die weise Frau gab ihr eingoldenes Spinnrad, tröstete sie und sprach: „Esist noch nicht alles vollbracht, harre, bis der Vollmondkommt, dann nimm das Spinnrad, setze dich an das Ufer undspinn die Spule voll; und wenn du fertig bist, so stelledas Spinnrad nahe an das Wasser, und du wirst sehen, wasgeschieht!" Die Frau befolgte alles genau. Sobald der Vollmondsich zeigte, trug sie das goldene Spinnrad an das Uferund spann emsig, bis der Flachs zu Ende und die Spule mitdem Faden ganz angefüllt war. Kaum aber stand dasRad am Ufer, so brauste es noch heftiger als sonst in derTiefe des Wassers, eine mächtige Welle eilte herbeiund trug das Rad mit sich fort. Alsbald stieg mit einemWasserstrahl der Kopf und der ganze Leib des Mannes indie Höhe. Schnell sprang er ans Ufer, faßteseine Frau an der Hand und entfloh. Aber kaum hatten siesich eine kleine Strecke entfernt, so erhob sich mitentsetzlichem Brausen der ganze Weiher und strömtemit reißender Gewalt in das weite Feld hinein.Schon sahen die Fliehenden ihren Tod vor Augen; da riefdie Frau in ihrer Angst die Hilfe der Alten an, und indem Augenblick waren sie verwandelt, sie in eineKröte, er in einen Frosch. Die Flut, die sieerreicht hatte, konnte sie nicht töten, aber sieriß sie beide voneinander und führte sie weitweg. Als das Wasser sich verlaufen hatte und beide wiederden trockenen Boden berührten, so kam ihremenschliche Gestalt zurück. Aber keines wußte,wo das andere geblieben war; sie befanden sich unterfremden Menschen, die ihre Heimat nicht kannten. HoheBerge und tiefe Täler lagen zwischen ihnen. Um sichdas Leben zu erhalten, mußten beide die Schafehüten. Sie trieben lange Jahre ihre Herden durchFeld und Wald und waren voll Trauer und Sehnsucht. Als wieder einmal der Frühling aus der Erdehervorgebrochen war, zogen beide an einem Tag mit ihrenHerden aus, und der Zufall wollte, daß sie einanderentgegenzogen. Er erblickte an einem fernen Bergesabhangeine Herde und trieb seine Schafe nach der Gegend hin.Sie kamen in einem Tal zusammen, aber sie erkannten sichnicht; doch freuten sie sich, daß sie nicht mehr soeinsam waren. Von nun an trieben sie jeden Tag ihre Herdenebeneinander; sie sprachen nicht viel, aber siefühlten sich getröstet. Eines Abends, als derVollmond am Himmel schien und die Schafe schon ruhten,holte der Schäfer die Flöte aus seiner Tascheund blies ein schönes, aber trauriges Lied. Als erfertig war, bemerkte er, daß die Schäferinbitterlich weinte. „Warum weinst du?" fragteer. „Ach", antwortete sie, „so schien auchder Vollmond, als ich zum letztenmal dieses Lied auf derFlöte blies und das Haupt meines Liebsten aus demWasser hervorkam." Er sah sie an, und es war ihm,als fiele eine Decke von den Augen, er erkannte seineliebste Frau; und als sie ihn anschaute und der Mond aufsein Gesicht schien, erkannte sie ihn auch. Sie umarmtenund küßten sich, und ob sie glückseligwaren, braucht keiner zu fragen.
Der Mond
Vorzeiten gab es ein Land, wo die Nacht immer dunkel und der Himmel wie ein schwarzes Tuch darüber gebreitet war, denn es ging dort niemals der Mond auf, und kein Stern blinkte in der Finsternis. Bei Erschaffung der Welt hatte das nächtliche Licht ausgereicht. Aus diesem Land gingen einmal vier Bursche auf die Wanderschaft und gelangten in ein anderes Reich, wo abends, wenn die Sonne hinter den Bergen verschwunden war, auf einem Eichbaum eine leuchtende Kugel stand, die weit und breit ein sanftes Licht ausgoß. Man konnte dabei alles wohl sehen und unterscheiden, wenn es auch nicht so glänzend wie die Sonne war. Die Wanderer standen still und fragten einen Bauern, der da mit seinem Wagen vorbeifuhr, was das für ein Licht sei.
»Das ist der Mond«, antwortete dieser, »unser Schultheiß hat ihn für drei Taler gekauft und an dem Eichbaum befestigt. Er muß täglich Öl aufgießen und ihn rein halten, damit er immer hell brennt. Dafür erhält er von uns wöchentlich einen Taler.«
Als der Bauer weggefahren war, sagte der eine von ihnen: »Diese Lampe könnten wir brauchen, wir haben daheim einen Eichbaum, der ebenso groß ist, daran können wir sie hängen. Was für eine Freude, wenn wir nachts nicht in der Finsternis herumtappen!«
»Wißt ihr was?« sprach der zweite. »Wir wollen Wagen und Pferde holen und den Mond wegführen. Sie können sich hier einen andern kaufen.«
»Ich kann gut klettern«, sprach der dritte, »ich will ihn schon herunterholen.«
Der vierte brachte einen Wagen mit Pferden herbei, und der dritte stieg den Baum hinauf, bohrte ein Loch in den Mond, zog ein Seil hindurch und ließ ihn herab. Als die glänzende Kugel auf dem Wagen lag, deckten sie ein Tuch darüber, damit niemand den Raub bemerken sollte. Sie brachten ihn glücklich in ihr Land und stellten ihn auf eine hohe Eiche.
Alte und Junge freuten sich, als die neue Lampe ihr Licht über alle Felder leuchten ließ und Stuben und Kammern damit erfüllte. Die Zwerge kamen aus den Felsenhöhlen hervor, und die kleinen Wichtelmänner tanzten in ihren roten Röckchen auf den Wiesen den Ringeltanz.
Die vier versorgten den Mond mit Öl, putzten den Docht und erhielten wöchentlich ihren Taler. Aber sie wurden Greise, und als der eine erkrankte und seinen Tod voraussah, verordnete er, daß der vierte Teil des Mondes als sein Eigentum ihm mit in das Grab sollte gegeben werden. Als er gestorben war, stieg der Schultheiß auf den Baum und schnitt mit der Heckenschere ein Viertel ab, das in den Sarg gelegt ward. Das Licht des Mondes nahm ab, aber noch nicht merklich. Als der zweite starb, ward ihm das zweite Viertel mitgegeben, und das Licht minderte sich. Noch schwächer ward es nach dem Tod des dritten, der gleichfalls seinen Teil mitnahm, und als der vierte ins Grab kam, trat die alte Finsternis wieder ein. Wenn die Leute abends ohne Laterne ausgingen, stießen sie mit den Köpfen zusammen.
Als aber die Teile des Monds in der Unterwelt sich wieder vereinigten, so wurden dort, wo immer Dunkelheit geherrscht hatte, die Toten unruhig und erwachten aus ihrem Schlaf. Sie erstaunten, als sie wieder sehen konnten. Das Mondlicht war ihnen genug, denn ihre Augen waren so schwach geworden, daß sie den Glanz der Sonne nicht ertragen hätten. Sie erhoben sich, wurden lustig und nahmen ihre alte Lebensweise wieder an. Ein Teil ging zum Spiel und Tanz, andere liefen in die Wirtshäuser, wo sie Wein forderten, sich betranken, tobten und zankten und endlich ihre Knüttel aufhoben und sich prügelten. Der Lärm ward immer ärger und drang endlich bis in den Himmel hinauf.
Der heilige Petrus, der das Himmelstor bewacht, glaubte, die Unterwelt wäre in Aufruhr geraten, und rief die himmlischen Heerscharen zusammen. Da sie aber nicht kamen, so setzte er sich auf sein Pferd und ritt durch das Himmelstor hinab in die Unterwelt. Da brachte er die Toten zur Ruhe, hieß sie sich wieder in ihre Gräber legen und nahm den Mond mit fort, den er oben am Himmel aufhing.
Die Nacht der Nächte
„Ist das verdammt kalt!“, schimpfte der 14-jährige Anton und stapfte keuchend durch den kniehohen Schnee.
„Nun maule nicht“, antwortete ihm Annik. Sie war Antons Banknachbarin seit der 1. Klasse und hatte diesen nächtlichen Ausflug mit einem spektakulären Fund erst möglich gemacht.
„Genau Annik, Anton soll den Mund halten und lieber eine schöne breite Spur treten!“ Grinsend gab Martin, Antons jüngerer Bruder, seinen Kommentar zu diesem Disput.
„Halt du lieber deinen Mund!“, zischte Anton wütend. „Ich verstehe sowieso nicht, warum wir dich...“ Weiter kam er nicht. Annik stieß ihn an und gab ihm unmissverständlich zu verstehen, dass jetzt keine Zeit für Bruderzwist sei.
„Los Anton! Wir haben keine Zeit zu verlieren!“ Annik trieb Anton an und der knurrte nur in sich hinein und stapfte weiter durch den kniehohen Schnee den steilen Berg hinauf. Das Ziel der drei Kinder war der Adlerstein, ein 536 m hoher Berg unmittelbar hinter dem Dorf. Auslöser für diesen fast mitternächtlichen Ausflug war ein sehr altes Schriftstück, das Annik auf dem Boden in einer alten Schatulle vor einigen Tagen im elterlichen Wohnhaus fand.
Da sie Schwierigkeiten mit dem Entziffern der alten Handschrift hatte, fragte sie Anton, ob er ihr helfen könne. Aber auch er war überfordern, denn viele Buchstaben sahen völlig anders aus. Anton malte einige der unbekannten Schriftzeichen auf und befragte zuerst die Lehrer, doch ohne Erfolg. Zuhause konnte ihm aber sein Vater weiterhelfen. „Das ist die alte deutsche Schrift. Meine Großmutter schrieb manchmal noch so“, kommentierte er.
Dieser Hinweis genügte bereits, um mit Hilfe eines alten Lexikons die Buchstaben zu deuten. Und dann konnten Annik und Anton die ersten Zeilen lesen.
Es waren die Aufzeichnungen eines Nikolaus, der vor mehr als 160 Jahren die fantastischen Erzählungen der alten Leute aufgeschrieben hatte. Da war die Rede von Hexen und dem Belzebub, von Göttern, Feen und Kobolden, auch von unheimlichen Ritualen, die einige der Alten noch damals vollzogen haben sollten. Sie lasen von der Wintersonnenwende, vom Adlerstein, der in dieser Nacht allen Unwirklichen zum Leben verhalf. Notwendig sei dazu um Mittenacht ein Feuer zu entzünden, um die längste Nacht des Jahres zu erhellen. Die Sehenden würden punkt 12 Uhr um Mitternacht die Geister der Unterwelt erblicken. Aber Sehender ist nur, der „reinen Herzens und mit großer Tapferkeit“ die Unwirklichen beschwört. Er muss den Adler aus Stein finden und ihn zum Leben erwecken. Aus einem Horn muss er den Stein mit Tauwasser benetzen und die Worte sprechen „wate hali hino horna!“ Dann werden sich aus dem Gefieder des mächtigen Vogels all die Gestalten bilden, die die Menschen als Unwirkliche kennen. Um sie wirklich zu machen, bedarf es der Zauberbeschwörung „qimai piudinassus peins!“
„Wir gehen zum Adlerstein! Das müssen wir auch.
Die Errettung Fatmes
Mein Bruder Mustapha und meine Schwester Fatme waren beinahe in gleichem Alter; jener hatte höchstens zwei Jahre voraus. Sie liebten einander innig und trugen vereint alles bei, was unserem kränklichen Vater die Last seines Alters erleichtern konnte. An Fatmes sechzehntem Geburtstage veranstaltete der Bruder ein Fest. Er ließ alle ihre Gespielinnen einladen, setzte ihnen in dem Garten des Vaters ausgesuchte Speisen vor, und als es Abend wurde, lud er sie ein, auf einer Barke, die er gemietet und festlich geschmückt hatte, ein wenig hinaus in die See zu fahren. Fatme und ihre Gespielinnen willigten mit Freuden ein; denn der Abend war schön, und die Stadt gewährte besonders abends, von dem Meere aus betrachtet, einen herrlichen Anblick. Den Mädchen aber gefiel es so gut auf der Barke, daß sie meinen Bruder bewogen, immer weiter in die See hinauszufahren. Mustapha gab aber ungern nach, weil sich vor einigen Tagen ein Korsar hatte sehen lassen. Nicht weit von der Stadt zieht sich ein Vorgebirge in das Meer. Dorthin wollten noch die Mädchen, um von da die Sonne in das Meer sinken zu sehen. Als sie um das Vorgebirg' herumruderten, sahen sie in geringer Entfernung eine Barke, die mit Bewaffneten besetzt war. Nichts Gutes ahnend, befahl mein Bruder den Ruderern, sein Schiff zu drehen und dem Lande zuzurudern. Wirklich schien sich auch seine Besorgnis zu bestätigen; denn jene Barke kam der meines Bruders schnell nach, überholte sie, da sie mehr Ruder hatte, und hielt sich immer zwischen dem Land, und unserer Barke. Die Mädchen aber, als sie die Gefahr erkannten, in der sie schwebten, sprangen auf und schrien und klagten; umsonst suchte sie Mustapha zu beruhigen, umsonst stellte er ihnen vor, ruhig zu bleiben, weil sie durch ihr Hin- und Herrennen die Barke in Gefahr brächten umzuschlagen. Es half nichts, und da sie sich endlich bei Annäherung des anderen Bootes alle auf die hintere Seite der Barke stürzten, schlug diese um. Indessen aber hatte man vom Land aus die Bewegungen des fremden Bootes beobachtet, und da man schon seit einiger Zeit Besorgnisse wegen Korsaren hegte, hatte dieses Boot Verdacht erregt, und mehrere Barken stießen vom Lande, um den Unsrigen beizustehen. Aber sie kamen nur noch zu rechter Zeit, um die Untersinkenden aufzunehmen. In der Verwirrung war das feindliche Boot entwischt, auf den beiden Barken aber, welche die Geretteten aufgenommen hatten, war man ungewiß, ob alle gerettet seien. Man näherte sich gegenseitig, und ach! Es fand sich, daß meine Schwester und eine ihrer Gespielinnen fehlten; zugleich entdeckte man aber einen Fremden in einer der Barken, den niemand kannte. Auf die Drohungen Mustaphas gestand er, daß er zu dem feindlichen Schiff, das zwei Meilen ostwärts vor Anker liege, gehöre, und daß ihn seine Gefährten auf ihrer eiligen Flucht im Stich gelassen hätten, indem er im Begriff gewesen sei, die Mädchen auffischen zu helfen; auch sagte er aus, daß er gesehen habe, wie man zwei derselben in das Schiff gezogen.
Der Schmerz meines alten Vaters war grenzenlos, aber auch Mustapha war bis zum Tod betrübt, denn nicht nur, daß seine geliebte Schwester verloren war und daß er sich anklagte, an ihrem Unglück schuld zu sein - jene Freundin Fatmes, die ihr Unglück teilte, war von ihren Eltern ihm zur Gattin zugesagt gewesen, und nur unserem Vater hatte er es noch nicht zu gestehen gewagt, weil ihre Eltern arm und von geringer Abkunft waren. Mein Vater aber war ein strenger Mann; als sein Schmerz sich ein wenig gelegt hatte, ließ er Mustapha vor sich kommen und sprach zu ihm: »Deine Torheit hat mir den Trost meines Alters und die Freude meiner Augen geraubt. Gehe hin, ich verbanne dich auf ewig von meinem Angesicht, ich fluche dir und deinen Nachkommen, aber nur, wenn du mir Fatme wiederbringst, soll dein Haupt rein sein von dem Fluche des Vaters.«
Dies hatte mein armer Bruder nicht erwartet; schon vorher hatte er sich entschlossen gehabt, seine Schwester und ihre Freundin aufzusuchen, und wollte sich nur noch den Segen des Vaters dazu erbitten, und jetzt schickte er ihn, mit dem Fluch beladen, in die Welt. Aber hatte ihn jener Jammer vorher gebeugt, so stählte jetzt die Fülle des Unglücks, das er nicht verdient hatte, seinen Mut.
Er ging zu dem gefangenen Seeräuber und befragte ihn, wohin die Fahrt seines Schiffes ginge, und erfuhr, daß sie Sklavenhandel trieben und gewöhnlich in Balsora großen Markt hielten.
Als er wieder nach Hause kam, um sich zur Reise anzuschicken, schien sich der Zorn des Vaters ein wenig gelegt zu haben, denn er sandte ihm einen Beutel mit Gold zur Unterstützung auf der Reise. Mustapha aber nahm weinend von den Eltern Zoraides, so hieß seine geliebte Braut, Abschied und machte sich auf den Weg nach Balsora.
Mustapha machte die Reise zu Land, weil von unserer kleinen Stadt aus nicht gerade ein Schiff nach Balsora ging. Er mußte daher sehr starke Tagreisen machen, um nicht zu lange nach den Seeräubern nach Balsora zu kommen; doch da er ein gutes Roß und kein Gepäck hatte, konnte er hoffen, diese Stadt am Ende des sechsten Tages zu erreichen. Aber am Abend des vierten Tages, als er ganz allein seines Weges ritt, fielen ihn plötzlich drei Männer an. Da er merkte, daß sie gut bewaffnet und stark seien und daß es mehr auf sein Geld und sein Roß als auf sein Leben abgesehen war, so rief er ihnen zu, daß er sich ihnen ergeben wolle. Sie stiegen von ihren Pferden ab und banden ihm die Füße unter dem Bauch seines Tieres zusammen; ihn selbst aber nahmen sie in die Mitte und trabten, indem einer den Zügel seines Pferdes ergriff, schnell mit ihm davon, ohne jedoch ein Wort zu sprechen.
Mustapha gab sich einer dumpfen Verzweiflung hin, der Fluch seines Vaters schien schon jetzt an dem Unglücklichen in Erfüllung zu gehen, und wie konnte er hoffen, seine Schwester und Zoraide zu retten, wenn er, aller Mittel beraubt, nur sein ärmliches Leben zu ihrer Befreiung aufwenden konnte. Mustapha und seine stummen Begleiter mochten wohl eine Stunde geritten sein, als sie in ein kleines Seitental einbogen. Das Tälchen war von hohen Bäumen eingefaßt; ein weicher dunkelgrüner Rasen, ein Bach, der schnell durch seine Mitte hinrollte, luden zur Ruhe ein. Wirklich sah er auch fünfzehn bis zwanzig Zelte dort aufgeschlagen; an den Pflöcken der Zelte waren Kamele und schöne Pferde angebunden, aus einem der Zelte hervor tönte die lustige Weise einer Zither und zweier schöner Männerstimmen. Meinem Bruder schien es, als ob Leute, die ein so fröhliches Lagerplätzchen sich erwählt hatten, nichts Böses gegen ihn im Sinne haben könnten, und er folgte also ohne Bangigkeit dem Ruf seiner Führer, die, als sie seine Bande gelöst hatten, ihm winkten, abzusteigen . Man führte ihn in ein Zelt, das größer als die übrigen und im Innern hübsch, fast zierlich aufgeputzt war. Prächtige, goldbestickte Polster, gewirkte Fußteppiche, übergoldete Rauchpfannen hätten anderswo Reichtum und Wohlleben verraten; hier schienen sie nur kühner Raub. Auf einem der Polster saß ein alter kleiner Mann; sein Gesicht war häßlich, seine Haut schwarzbraun und glänzend, und ein widriger Zug von tückischer Schlauheit um Augen und Mund machte seinen Anblick verhaßt. Obgleich sich dieser Mann einiges Ansehen zu geben suchte, so merkte doch Mustapha bald, daß nicht für ihn das Zelt so reich geschmückt sei, und die Unterredung seiner Führer schien seine Bemerkung zu bestätigen. »Wo ist der Starke?« fragten sie den Kleinen.
»Er ist auf der kleinen Jagd«, antwortete jener, »aber er hat mir aufgetragen, seine Stelle zu versehen.«
»Das hat er nicht gescheit gemacht«, entgegnete einer der Räuber, »denn es muß sich bald entscheiden, ob dieser Hund sterben oder zahlen soll, und das weiß der Starke besser als du.«
Der kleine Mann erhob sich im Gefühl seiner Würde, streckte sich lang aus, um mit der Spitze seiner Hand das Ohr seines Gegners zu erreichen, denn er schien Lust zu haben, sich durch einen Schlag zu rächen, als er aber sah, daß seine Bemühung fruchtlos sei, fing er an zu schimpfen (und wahrlich! Die anderen blieben ihm nichts schuldig), daß das Zelt von ihrem Streit erdröhnte. Da tat sich auf einmal die Türe des Zeltes auf, und herein trat ein hoher, stattlicher Mann, jung und schön wie ein Perserprinz; seine Kleidung und seine Waffen waren, außer einem reichbesetzten Dolch und einem glänzenden Säbel, gering und einfach; aber sein ernstes Auge, sein ganzer Anstand gebot Achtung, ohne Furcht einzuflößen.
»Wer ist's, der es wagt, in meinem Zelte Streit zu beginnen?« rief er den Erschrockenen zu. Eine Zeitlang herrschte tiefe Stille; endlich erzählte einer von denen, die Mustapha hergebracht hatten, wie es gegangen sei. Da schien sich das Gesicht »des Starken«, wie sie ihn nannten, vor Zorn zu röten. »Wann hätte ich dich je an meine Stelle gesetzt, Hassan?« schrie er mit furchtbarer Stimme dem Kleinen zu. Dieser zog sich vor Furcht in sich selbst zusammen, daß er noch viel kleiner aussah als zuvor, und schlich sich der Zelttüre zu . Ein hinlänglicher Tritt des Starken machte, daß er in einem großen sonderbaren Sprung zur Zelttüre hinausflog.
Als der Kleine verschwunden war, führten die drei Männer Mustapha vor den Herrn des Zeltes, der sich indes auf die Polster gelegt hatte. »Hier bringen wir den, welchen du uns zu fangen befohlen hast.«
Jener blickte den Gefangenen lange an und sprach sodann: »Bassa von Sulieika! Dein eigenes Gewissen wird dir sagen, warum du vor Orbasan stehst.«
Als mein Bruder dies hörte, warf er sich nieder vor jenem und antwortete: »O Herr! Du scheinst im Irrtum zu sein. Ich bin ein armer Unglücklicher, aber nicht der Bassa, den du suchst!«
Alle im Zelt waren über diese Rede erstaunt. Der Herr des Zeltes aber sprach: »Es kann dir wenig helfen, dich zu verstellen; denn ich will die Leute vorführen, die dich wohl kennen.« Er befahl, Zuleima vorzufahren. Man brachte ein altes Weib in das Zelt, das auf die Frage, ob sie in meinem Bruder nicht den Bassa von Sulieika erkenne, antwortete: »Jawohl!« Und sie schwöre es beim Grab des Propheten, es sei der Bassa und kein anderer.
»Siehst du, Erbärmlicher, wie deine List zu Wasser geworden ist!« begann zürnend der Starke. »Du bist mir zu elend, als daß ich meinen guten Dolch mit deinem Blut besudeln sollte, aber an den Schweif meines Rosses will ich dich binden, morgen, wenn die Sonne aufgeht, und durch die Wälder mit dir jagen, bis sie scheidet hinter die Hügel von Sulieika!«
Da sank meinem armen Bruder der Mut. »Das ist der Fluch meines harten Vaters, der mich zum schmachvollen Tode treibt«, rief er weinend, »und auch du bist verloren, süße Schwester, auch du, Zoraide!«
»Deine Verstellung hilft dir nichts«, sprach einer der Räuber, indem er ihm die Hände auf den Rücken band, »mach, daß du aus dem Zelte kommst! Denn der Starke beißt sich in die Lippen und blickt nach seinem Dolch. Wenn du noch eine Nacht leben willst, so komm!«
Als die Räuber gerade meinen Bruder aus dem Zelt führen wollten, begegneten sie drei anderen, die einen Gefangenen vor sich hintrieben. Sie traten mit ihm ein. »Hier bringen wir den Bassa, wie du uns befohlen hast«, sprachen sie und führten den Gefangenen vor das Polster des Starken. Als der Gefangene dorthin geführt wurde, hatte mein Bruder Gelegenheit, ihn zu betrachten, und ihm selbst fiel die Ähnlichkeit auf, die dieser Mann mit ihm hatte, nur war er dunkler im Gesicht und hatte einen schwärzeren Bart.
Der Starke schien sehr erstaunt über die Erscheinung des zweiten Gefangenen. »Wer von euch ist denn der Rechte?« sprach er, indem er bald meinen Bruder, bald den anderen Mann ansah.
»Wenn du den Bassa von Sulieika meinst«, antwortete in stolzem Ton der Gefangene, »der bin ich!« Der Starke sah ihn lange mit seinem ernsten, furchtbaren Blick an; dann winkte er schweigend, den Bassa wegzuführen.
Als dies geschehen war, ging er auf meinen Bruder zu, zerschnitt seine Bande mit dem Dolch und winkte ihm, sich zu ihm aufs Polster zu setzen. »Es tut mir leid, Fremdling«, sagte er, »daß ich dich für jenes Ungeheuer hielt; schreibe es aber einer sonderbaren Fügung des Himmels zu, die dich gerade in der Stunde, welche dem Untergang jenes Verruchten geweiht war, in die Hände meiner Brüder führte.« Mein Bruder bat ihn um die einzige Gunst, ihn gleich wieder weiterreisen zu lassen, weil jeder Aufschub ihm verderblich werden könne. Der Starke erkundigte sich nach seinen eiligen Geschäften, und als ihm Mustapha alles erzählt hatte, überredete ihn jener, diese Nacht in seinem Zelt zu bleiben, er und sein Roß werden der Ruhe bedürfen; den folgenden Tag aber wolle er ihm einen Weg zeigen, der ihn in anderthalb Tagen nach Balsora bringe - Mein Bruder schlug ein, wurde trefflich bewirtet und schlief sanft bis zum Morgen in dem Zelt des Räubers.
Als er aufgewacht war, sah er sich ganz allein im Zelt; vor dem Vorhang des Zeltes aber hörte er mehrere Stimmen zusammen sprechen, die dem Herrn des Zeltes und dem kleinen schwarzbraunen Mann anzugehören schienen. Er lauschte ein wenig und hörte zu seinem Schrecken, daß der Kleine dringend den anderen aufforderte, den Fremden zu töten, weil er, wenn er freigelassen würde, sie alle verraten könnte.
Mustapha merkte gleich, daß der Kleine ihm gram sei, weil er die Ursache war, daß er gestern so übel behandelt wurde; der Starke schien sich einige Augenblicke zu besinnen. »Nein«, sprach er, »er ist mein Gastfreund, und das Gastrecht ist mir heilig; auch sieht er mir nicht aus, als ob er uns verraten wollte.«
Als er so gesprochen, schlug er den Vorhang zurück und trat ein. »Friede sei mit dir, Mustapha!« sprach er, »laß uns den Morgentrunk kosten, und rüste dich dann zum Aufbruch!« Er reichte meinem Bruder einen Becher Sorbet, und als sie getrunken hatten, zäumten sie die Pferde auf, und wahrlich, mit leichterem Herzen, als er gekommen war, schwang sich Mustapha aufs Pferd. Sie hatten bald die Zelte im Rücken und schlugen dann einen breiten Pfad ein, der in den Wald führte. Der Starke erzählte meinem Bruder, daß jener Bassa, den sie auf der Jagd gefangen hätten, ihnen versprochen habe, sie ungefährdet in seinem Gebiete zu dulden; vor einigen Wochen aber habe er einen ihrer tapfersten Männer aufgefangen und nach den schrecklichsten Martern aufhängen lassen. Er habe ihm nun lange auflauern lassen, und heute noch müsse er sterben. Mustapha wagte es nicht, etwas dagegen einzuwenden; denn er war froh, selbst mit heiler Haut davongekommen zu sein.
Am Ausgang des Waldes hielt der Starke sein Pferd an, beschrieb meinem Bruder den Weg, bot ihm die Hand zum Abschied und sprach: »Mustapha, du bist auf sonderbare Weise der Gastfreund des Räubers Orbasan geworden; ich will dich nicht auffordern, nicht zu verraten, was du gesehen und gehört hast. Du hast ungerechterweise Todesangst ausgestanden, und ich bin dir Vergütung schuldig. Nimm diesen Dolch als Andenken, und so du Hilfe brauchst, so sende ihn mir zu, und ich will eilen, dir beizustehen. Diesen Beutel aber kannst du vielleicht zu deiner Reise brauchen.« Mein Bruder dankte ihm für seinen Edelmut; er nahm den Dolch, den Beutel aber schlug er aus. Doch Orbasan drückte ihm noch einmal die Hand, ließ den Beutel auf die Erde fallen und sprengte mit Sturmeseile in den Wald. Als Mustapha sah, daß er ihn doch nicht mehr werde einholen können, stieg er ab, um den Beutel aufzuheben, und erschrak über die Größe von seines Gastfreundes Großmut; denn der Beutel enthielt eine Menge Gold. Er dankte Allah für seine Rettung, empfahl ihm den edlen Räuber in seine Gnade und zog dann heiteren Mutes weiter auf seinem Wege nach Balsora.
Lezah schwieg und sah Achmet, den alten Kaufmann, fragend an. »Nein, wenn es so ist«, sprach dieser, »so verbessere ich gern mein Urteil von Orbasan; denn wahrlich, an deinem Bruder hat er schön gehandelt.«
»Er hat getan wie ein braver Muselmann«, rief Muley; »aber ich hoffe, du hast deine Geschichte damit nicht geschlossen; denn wie mich bedünkt, sind wir alle begierig, weiter zu hören, wie es deinem Bruder erging und ob er Fatme, deine Schwester, und die schöne Zoraide befreit hat.«
»Wenn ich euch nicht damit langweile, erzähle ich gerne weiter«, entgegnete Lezah, »denn die Geschichte meines Bruders ist allerdings abenteuerlich und wundervoll.«
Am Mittag des siebenten Tages nach seiner Abreise zog Mustapha in die Tore von Balsora ein. Sobald er in einer Karawanserei abgestiegen war, fragte er, wann der Sklavenmarkt, der alljährlich hier gehalten werde, anfange. Aber er erhielt die Schreckensantwort, daß er zwei Tage zu spät komme. Man bedauerte seine Verspätung und erzählte ihm, daß er viel verloren habe; denn noch an dem letzten Tage des Marktes seien zwei Sklavinnen angekommen, von so hoher Schönheit, daß sie die Augen aller Käufer auf sich gezogen hätten. Man habe sich ordentlich um sie gerissen und geschlagen, und sie seien freilich auch zu einem so hohen Preise verkauft worden, daß ihn nur ihr jetziger Herr nicht habe scheuen können. Er erkundigte sich näher nach diesen beiden, und es blieb ihm kein Zweifel, daß es die Unglücklichen seien, die er suchte. Auch erfuhr er, daß der Mann, der sie beide gekauft habe, vierzig Stunden von Balsora wohne und Thiuli-Kos heiße, ein vornehmer, reicher, aber schon ältlicher Mann, der früher Kapudan-Bassa des Großherrn gewesen, jetzt aber sich mit seinen gesammelten Reichtümern zur Ruhe gesetzt habe.
Mustapha wollte von Anfang sich gleich wieder zu Pferd setzen, um dem Thiuli-Kos, der kaum einen Tag Vorsprung haben konnte, nachzueilen. Als er aber bedachte, daß er als einzelner Mann dem mächtigen Reisenden doch nichts anhaben noch weniger seine Beute ihm abjagen konnte, sann er auf einen anderen Plan und hatte ihn auch bald gefunden. Die Verwechslung mit dem Bassa von Sulieika, die ihm beinahe so gefährlich geworden wäre, brachte ihn auf den Gedanken, unter diesem Namen in das Haus des Thiuli-Kos zu gehen und so einen Versuch zur Rettung der beiden unglücklichen Mädchen zu wagen. Er mietete daher einige Diener und Pferde, wobei ihm Orbasans Geld trefflich zustatten kam, schaffte sich und seinen Dienern prächtige Kleider an und machte sich auf den Weg nach dem Schlosse Thiulis. Nach fünf Tagen war er in die Nähe dieses Schlosses gekommen. Es lag in einer schönen Ebene und war rings von hohen Mauern umschlossen, die nur ganz wenig von den Gebäuden überragt wurden. Als Mustapha dort angekommen war, färbte er Haar und Bart schwarz, sein Gesicht aber bestrich er mit dem Saft einer Pflanze, die ihm eine bräunliche Farbe gab, ganz wie sie jener Bassa gehabt hatte. Er schickte hierauf einen seiner Diener in das Schloß und ließ im Namen des Bassa von Sulieika um ein Nachtlager bitten. Der Diener kam bald wieder, und mit ihm vier schöngekleidete Sklaven, die Mustaphas Pferd am Zügel nahmen und in den Schloßhof führten. Dort halfen sie ihm selbst vom Pferd, und vier andere geleiteten ihn eine breite Marmortreppe hinauf zu Thiuli.
Dieser, ein alter, lustiger Geselle, empfing meinen Bruder ehrerbietig und ließ ihm das Beste, was sein Koch zubereiten konnte, aufsetzen. Nach Tisch brachte Mustapha das Gespräch nach und nach auf die neuen Sklavinnen, und Thiuli rühmte ihre Schönheit und beklagte nur, daß sie immer so traurig seien; doch er glaubte, dieses würde sich bald geben. Mein Bruder war sehr vergnügt über diesen Empfang und legte sich mit den schönsten Hoffnungen zur Ruhe nieder.
Er mochte ungefähr eine Stunde geschlafen haben, da weckte ihn der Schein einer Lampe, der blendend auf sein Auge fiel. Als er sich aufrichtete, glaubte er noch zu träumen; denn vor ihm stand jener kleine, schwarzbraune Kerl aus Orbasans Zelt, eine Lampe in der Hand, sein breites Maul zu einem widrigen Lächeln verzogen. Mustapha zwickte sich in den Arm, zupfte sich an der Nase, um sich zu überzeugen, ob er denn wache; aber die Erscheinung blieb wie zuvor. »Was willst du an meinem Bette?« rief Mustapha, als er sich von seinem Erstaunen erholt hatte.
»Bemühet Euch doch nicht so, Herr!« sprach der Kleine. »Ich habe wohl erraten, weswegen Ihr hierherkommt. Auch war mir Euer wertes Gesicht noch wohl erinnerlich; doch wahrlich, wenn ich nicht den Bassa mit eigener Hand hätte erhängen helfen, so hättet Ihr mich vielleicht getäuscht . Jetzt aber bin ich da, um eine Frage zu machen.«
»Vor allem sage, wie du hierherkommst«, entgegnete ihm Mustapha voll Wut, daß er verraten war.
»Das will ich Euch sagen«, antwortete jener, »ich konnte mich mit dem Starken nicht länger vertragen, deswegen floh ich; aber du, Mustapha, warst eigentlich die Ursache unseres Streites, und dafür mußt du mir deine Schwester zur Frau geben, und ich will Euch zur Flucht behilflich sein; gibst du sie nicht, so gehe ich zu meinem neuen Herrn und erzähle ihm etwas von dem neuen Bassa.«
Mustapha war vor Schrecken und Wut außer sich; jetzt, wo er sich am sicheren Ziel seiner Wünsche glaubte, sollte dieser Elende kommen und sie vereiteln; es war nur ein Mittel, das seinen Plan retten konnte: Er mußte das kleine Ungetüm töten. Mit einem Sprung fuhr er daher aus dem Bette auf den Kleinen zu; doch dieser, der etwas Solches geahnt haben mochte, ließ die Lampe fallen, daß sie verlöschte, und entsprang im Dunkeln, indem er mörderisch um Hilfe schrie.
Jetzt war guter Rat teuer; die Mädchen mußte er für den Augenblick aufgeben und nur auf die eigene Rettung denken; daher ging er an das Fenster, um zu sehen, ob er nicht entspringen könnte. Es war eine ziemliche Tiefe bis zum Boden, und auf der anderen Seite stand eine hohe Mauer, die zu übersteigen war. Sinnend stand er an dem Fenster; da hörte er viele Stimmen sich seinem Zimmer nähern; schon waren sie an der Türe; da faßte er verzweiflungsvoll seinen Dolch und seine Kleider und schwang sich zum Fenster hinaus. Der Fall war hart; aber er fühlte, daß er kein Glied gebrochen hatte; drum sprang er auf und lief der Mauer zu, die den Hof umschloß, stieg, zum Erstaunen seiner Verfolger, hinauf und befand sich bald im Freien. Er floh, bis er an einen kleinen Wald kam, wo er sich erschöpft niederwarf. Hier überlegte er, was zu tun sei.
Seine Pferde und seine Diener hatte er im Stiche lassen müssen; aber sein Geld, das er in dem Gürtel trug, hatte er gerettet.
Sein erfinderischer Kopf zeigte ihm bald einen anderen Weg zur Rettung. Er ging in dem Wald weiter, bis er an ein Dorf kam, wo er um geringen Preis ein Pferd kaufte, das ihn in Bälde in eine Stadt trug. Dort forschte er nach einem Arzt, und man riet ihm einen alten, erfahrenen Mann. Diesen bewog er durch einige Goldstücke, daß er ihm eine Arznei mitteilte, die einen todähnlichen Schlaf herbeiführte, der durch ein anderes Mittel augenblicklich wieder gehoben werden könnte. Als er im Besitz dieses Mittels war, kaufte er sich einen langen falschen Bart, einen schwarzen Talar und allerlei Büchsen und Kolben, so daß er füglich einen reisenden Arzt vorstellen konnte, lud seine Sachen auf einen Esel und reiste in das Schloß des Thiuli-Kos zurück. Er durfte gewiß sein, diesmal nicht erkannt zu werden, denn der Bart entstellte ihn so, daß er sich selbst kaum mehr kannte. Bei Thiuli angekommen, ließ er sich als den Arzt Chakamankabudibaba anmelden, und, wie er es gedacht hatte, geschah es; der prachtvolle Namen empfahl ihn bei dem alten Narren ungemein, so daß er ihn gleich zur Tafel einlud.
Chakamankabudibaba erschien vor Thiuli, und als sie sich kaum eine Stunde besprochen hatten, beschloß der Alte, alle seine Sklavinnen der Kur des weisen Arztes zu unterwerfen. Dieser konnte seine Freude kaum verbergen, daß er jetzt seine geliebte Schwester wiedersehen solle, und folgte mit klopfendem Herzen Thiuli, der ihn ins Serail führte. Sie waren in ein Zimmer gekommen, das schön ausgeschmückt war, worin sich aber niemand befand. »Chambaba oder wie du heißt, lieber Arzt«, sprach Thiuli-Kos, »betrachte einmal jenes Loch dort in der Mauer, dort wird jede meiner Sklavinnen einen Arm herausstrecken, und du kannst dann untersuchen, ob der Puls krank oder gesund ist.« Mustapha mochte einwenden, was er wollte, zu sehen bekam er sie nicht; doch willigte Thiuli ein, daß er ihm allemal sagen wolle, wie sie sich sonst gewöhnlich befänden. Thiuli zog nun einen langen Zettel aus dem Gürtel und begann mit lauter Stimme seine Sklavinnen einzeln beim Namen zu rufen, worauf allemal eine Hand aus der Mauer kam und der Arzt den Puls untersuchte. Sechs waren schon abgelesen und sämtlich für gesund erklärt; da las Thiuli als die siebente »Fatme« ab, und eine kleine weiße Hand schlüpfte aus der Mauer. Zitternd vor Freude, ergreift Mustapha diese Hand und erklärt sie mit wichtiger Miene für bedeutend krank. Thiuli ward sehr besorgt und befahl seinem weisen Chakamankabudibaba, schnell eine Arznei für sie zu bereiten. Der Arzt ging hinaus, schrieb auf einen kleinen Zettel: Fatme! Ich will Dich retten, wenn Du Dich entschließen kannst, eine Arznei zu nehmen, die Dich auf zwei Tage tot macht; doch ich besitze das Mittel, Dich wieder zum Leben zu bringen. Willst Du, so sage nur, dieser Trank habe nicht geholfen, und es soll mir ein Zeichen sein, daß Du einwilligst.
Bald kam er in das Zimmer zurück, wo Thiuli seiner harrte. Er brachte ein unschädliches Tränklein mit, fühlte der kranken Fatme noch einmal den Puls und schob ihr zugleich den Zettel unter ihr Armband; das Tränklein aber reichte er ihr durch die Öffnung in der Mauer. Thiuli schien in großen Sorgen wegen Fatme zu sein und schob die Untersuchung der übrigen bis auf eine gelegenere Zeit auf. Als er mit Mustapha das Zimmer verlassen hatte, sprach er in traurigem Ton: »Chadibaba, sage aufrichtig, was hältst du von Fatmes Krankheit?«
Chakamankabudibaba antwortete mit einem tiefen Seufzer: »Ach Herr, möge der Prophet dir Trost verleihen! Sie hat ein schleichendes Fieber, das ihr wohl den Garaus machen kann.« Da entbrannte der Zorn Thiulis: »Was sagst du, verfluchter Hund von einem Arzt? Sie, um die ich zweitausend Goldstücke gab, soll mir sterben wie eine Kuh? Wisse, wenn du sie nicht rettest, so hau' ich dir den Kopf ab!« Da merkte mein Bruder, daß er einen dummen Streich gemacht habe, und gab Thiuli wieder Hoffnung. Als sie noch so sprachen, kam ein schwarzer Sklave aus dem Serail, dem Arzt zu sagen, daß das Tränklein nicht geholfen habe. »Biete deine ganze Kunst auf, Chakamdababelba, oder wie du dich schreibst, ich zahle dir, was du willst«, schrie Thiuli-Kos, fast heulend vor Angst, so viel Gold zu verlieren.
»Ich will ihr ein Säftlein geben, das sie von aller Not befreit«, antwortete der Arzt.
»Ja! Ja! Gib ihr ein Säftlein«, schluchzte der alte Thiuli.
Frohen Mutes ging Mustapha, seinen Schlaftrunk zu holen, und als er ihn dem schwarzen Sklaven gegeben und gezeigt hatte, wieviel man auf einmal nehmen müsse, ging er zu Thiuli und sagte, er müsse noch einige heilsame Kräuter am See holen, und eilte zum Tor hinaus. An dem See, der nicht weit von dem Schloß entfernt war, zog er seine falschen Kleider aus und warf sie ins Wasser, daß sie lustig umherschwammen; er selbst aber verbarg sich im Gesträuch, wartete die Nacht ab und schlich sich dann in den Begräbnisplatz an dem Schlosse Thiulis.
Als Mustapha kaum eine Stunde lang aus dem Schloß abwesend sein mochte, brachte man Thiuli die schreckliche Nachricht, daß seine Sklavin Fatme im Sterben liege. Er schickte hinaus an den See, um schnell den Arzt zu holen; aber bald kehrten seine Boten allein zurück und erzählten ihm, daß der arme Arzt ins Wasser gefallen und ertrunken sei; seinen schwarzen Talar sehe man im See schwimmen, und hier und da gucke auch sein stattlicher Bart aus den Wellen hervor. Als Thiuli keine Rettung mehr sah, verwünschte er sich und die ganze Welt, raufte sich den Bart aus und rannte mit dem Kopf gegen die Mauer. Aber alles dies konnte nichts helfen; denn Fatme gab bald unter den Händen der übrigen Weiber den Geist auf. Als Thiuli die Nachricht ihres Todes hörte, befahl er, schnell einen Sarg zu machen; denn er konnte keinen Toten im Hause leiden und ließ den Leichnam in das Begräbnishaus tragen. Die Träger brachten den Sarg dorthin, setzten ihn schnell nieder und entflohen, denn sie hatten unter den übrigen Särgen Stöhnen und Seufzen gehört.
Mustapha, der sich hinter den Särgen verborgen und von dort aus die Träger des Sarges in die Flucht gejagt hatte, kam hervor und zündete sich eine Lampe an, die er zu diesem Zweck mitgebracht hatte. Dann zog er ein Glas hervor, das die erweckende Arznei enthielt, und hob dann den Deckel von Fatmes Sarg. Aber welches Entsetzen befiel ihn, als sich ihm beim Scheine der Lampe ganz fremde Züge zeigten! Weder meine Schwester noch Zoraide, sondern eine ganz andere lag in dem Sarg. Er brauchte lange, um sich von dem neuen Schlag des Schicksals zu fassen; endlich überwog doch Mitleid seinen Zorn. Er öffnete sein Glas und flößte ihr die Arznei ein. Sie atmete, sie schlug die Augen auf und schien sich lange zu besinnen, wo sie sei. Endlich erinnerte sie sich des Vorgefallenen; sie stand auf aus dem Sarg und stürzte zu Mustaphas Füßen. »Wie kann ich dir danken, gütiges Wesen«, rief sie aus, »daß du mich aus meiner schrecklichen Gefangenschaft befreitest!« Mustapha unterbrach ihre Danksagungen mit der Frage, wie es denn geschehen sei, daß sie und nicht Fatme, seine Schwester, gerettet worden sei? Jene sah ihn staunend an. »Jetzt wird mir meine Rettung erst klar, die mir vorher unbegreiflich war«, antwortete sie; »wisse, man hieß mich in jenem Schloß Fatme, und mir hast du deinen Zettel und den Rettungstrank gegeben.« Mein Bruder forderte die Gerettete auf, ihm von seiner Schwester und Zoraide Nachricht zu geben, und erfuhr, daß sie sich beide im Schloß befanden, aber nach der Gewohnheit Thiulis andere Namen bekommen hatten; sie hießen jetzt Mirza und Nurmahal.«
Als Fatme, die gerettete Sklavin, sah, daß mein Bruder durch diesen Fehlgriff so niedergeschlagen sei, sprach sie ihm Mut ein und versprach, ihm ein Mittel zu sagen, wie er jene beiden Mädchen dennoch retten könne. Aufgeweckt durch diesen Gedanken, schöpfte Mustapha von neuem Hoffnung und bat sie, dieses Mittel ihm zu nennen, und sie sprach:
»Ich bin zwar erst seit fünf Monaten die Sklavin Thiulis, doch habe ich gleich von Anfang auf Rettung gesonnen; aber für mich allein war sie zu schwer. In dem inneren Hof des Schlosses wirst du einen Brunnen bemerkt haben, der aus zehn Röhren Wasser speit; dieser Brunnen fiel mir auf. Ich erinnerte mich, in dem Hause meines Vaters einen ähnlichen gesehen zu haben, dessen Wasser durch eine geräumige Wasserleitung herbeiströmt; um nun zu erfahren, ob dieser Brunnen auch so gebaut ist, rühmte ich eines Tages vor Thiuli seine Pracht und fragte nach seinem Baumeister. *Ich selbst habe ihn gebaut*, antwortete er, *und das, was du hier siehst, ist noch das Geringste; aber das Wasser dazu kommt wenigstens tausend Schritte weit von einem Bach her und geht durch eine gewölbte Wasserleitung, die wenigstens mannshoch ist; und alles dies habe ich selbst angegeben.* Als ich dies gehört hatte, wünschte ich mir oft, nur auf einen Augenblick die Stärke eines Mannes zu haben, um einen Stein an der Seite des Brunnens ausheben zu können; dann könnte ich fliehen, wohin ich wollte. Die Wasserleitung nun will ich dir zeigen; durch sie kannst du nachts in das Schloß gelangen und jene befreien. Aber du mußt wenigstens noch zwei Männer bei dir haben, um die Sklaven, die das Serail bei Nacht bewachen, zu überwältigen.«
So sprach sie; mein Bruder Mustapha aber, obgleich schon zweimal in seinen Hoffnungen getäuscht, faßte noch einmal Mut und hoffte mit Allahs Hilfe den Plan der Sklavin auszuführen. Er versprach ihr, für ihr weiteres Fortkommen in ihre Heimat zu sorgen, wenn sie ihm behilflich sein wollte, ins Schloß zu gelangen. Aber ein Gedanke machte ihm noch Sorge, nämlich der, woher er zwei oder drei treue Gehilfen bekommen könnte. Da fiel ihm Orbasans Dolch ein und das Versprechen, das ihm jener gegeben hatte, ihm, wo er seiner bedürfe, zu Hilfe zu eilen, und er machte sich daher mit Fatme aus dem Begräbnis auf, um den Räuber aufzusuchen.
In der nämlichen Stadt, wo er sich zum Arzt umgewandelt hatte, kaufte er um sein letztes Geld ein Roß und mietete Fatme bei einer armen Frau in der Vorstadt ein. Er selbst aber eilte dem Gebirge zu, wo er Orbasan zum erstenmal getroffen hatte, und gelangte in drei Tagen dahin. Er fand bald wieder jene Zelte und trat unverhofft vor Orbasan, der ihn freundlich bewillkommnete. Er erzählte ihm seine mißlungenen Versuche, wobei sich der ernsthafte Orbasan nicht enthalten konnte, hier und da ein wenig zu lachen, besonders, wenn er sich den Arzt Chakamankabudibaba dachte. Über die Verräterei des Kleinen aber war er wütend; er schwur, ihn mit eigener Hand aufzuhängen, wo er ihn finde. Meinem Bruder aber versprach er, sogleich zur Hilfe bereit zu sein, wenn er sich vorher von der Reise gestärkt haben würde. Mustapha blieb daher diese Nacht wieder in Orbasans Zelt; mit dem ersten Frührot aber brachen sie auf, und Orbasan nahm drei seiner tapfersten Männer, wohl beritten und bewaffnet, mit sich. Sie ritten stark zu und kamen nach zwei Tagen in die kleine Stadt, wo Mustapha die gerettete Fatme zurückgelassen hatte. Von da aus reisten sie mit dieser weiter bis zu dem kleinen Wald, von wo aus man das Schloß Thiulis in geringer Entfernung sehen konnte; dort lagerten sie sich, um die Nacht abzuwarten.
Sobald es dunkel wurde, schlichen sie sich, von Fatme geführt, an den Bach, wo die Wasserleitung anfing, und fanden diese bald. Dort ließen sie Fatme und einen Diener mit den Rossen zurück und schickten sich an, hinabzusteigen; ehe sie aber hinabstiegen, wiederholte ihnen Fatme noch einmal alles genau, nämlich: daß sie durch den Brunnen in den inneren Schloßhof kämen, dort seien rechts und links in der Ecke zwei Türme, in der sechsten Türe, vom Turme rechts gerechnet, befänden sich Fatme und Zoraide, bewacht von zwei schwarzen Sklaven. Mit Waffen und Brecheisen wohl versehen, stiegen Mustapha, Orbasan und zwei andere Männer hinab in die Wasserleitung; sie sanken zwar bis an den Gürtel ins Wasser; aber nichtsdestoweniger gingen sie rüstig vorwärts. Nach einer halben Stunde kamen sie an den Brunnen selbst und setzten sogleich ihre Brecheisen an. Die Mauer war dick und fest; aber den vereinten Kräften der vier Männer konnte sie nicht lange widerstehen; bald hatten sie eine Öffnung eingebrochen, groß genug, um bequem durchschlüpfen zu können. Orbasan schlüpfte zuerst durch und half den anderen nach. Als sie alle im Hof waren, betrachteten sie die Seite des Schlosses, die vor ihnen lag, um die beschriebene Türe zu erforschen. Aber sie waren nicht einig, welche es sei; denn als sie von dem rechten Turm zum linken zählten, fanden sie eine Türe, die zugemauert war, und wußten nun nicht, ob Fatme diese übersprungen oder mitgezählt habe. Aber Orbasan besann sich nicht lange. »Mein gutes Schwert wird mir jede Tür öffnen«, rief er aus, ging auf die sechste Türe zu, und die anderen folgten ihm.
Sie öffneten die Türe und fanden sechs schwarze Sklaven auf dem Boden liegend und schlafend; sie wollten schon wieder leise sich zurückziehen, weil sie sahen, daß sie die rechte Türe verfehlt hatten, als eine Gestalt in der Ecke sich aufrichtete und mit wohlbekannter Stimme um Hilfe rief. Es war der Kleine aus Orbasans Lager. Aber ehe noch die Schwarzen recht wußten, wie ihnen geschah, stürzte Orbasan auf den Kleinen zu, riß seinen Gürtel entzwei, verstopfte ihm den Mund und band ihm die Hände auf den Rücken; dann wandte er sich an die Sklaven, wovon schon einige von Mustapha und den zwei anderen halb gebunden waren, und half sie vollends überwältigen. Man setzte den Sklaven den Dolch auf die Brust und fragte sie, wo Nurmahal und Nürza wären, und sie gestanden, daß sie im Gemach nebenan seien. Mustapha stürzte in das Gemach und fand Fatme und Zoraide, die der Lärm erweckt hatte. Schnell rafften diese ihren Schmuck und ihre Kleider zusammen und folgten Mustapha; die beiden Räuber schlugen indes Orbasan vor, zu plündern, was man fände; doch dieser verbot es ihnen und sprach: »Man soll nicht von Orbasan sagen können, daß er nachts in die Häuser steige, um Gold zu stehlen!« Mustapha und die Geretteten schlüpften schnell in die Wasserleitung, wohin ihnen Orbasan sogleich zu folgen versprach. Als jene in die Wasserleitung hinabgestiegen waren, nahmen Orbasan und einer der Räuber den Kleinen und führten ihn hinaus in den Hof; dort banden sie ihm eine seidene Schnur, die sie deshalb mitgenommen hatten, um den Hals und hingen ihn an der höchsten Spitze des Brunnens auf. Nachdem sie so den Verrat des Elenden bestraft hatten, stiegen sie selbst hinab in die Wasserleitung und folgten Mustapha. Mit Tränen dankten die beiden ihrem edelmütigen Retter Orbasan; doch dieser trieb sie eilends zur Flucht an, denn es war sehr wahrscheinlich, daß sie Thiuli-Kos nach allen Seiten verfolgen ließ. Mit tiefer Rührung trennten sich am anderen Tag Mustapha und seine Geretteten von Orbasan; wahrlich, sie werden ihn nie vergessen. Fatme aber, die befreite Sklavin, ging verkleidet nach Balsora, um sich dort in ihre Heimat einzuschiffen.
Nach einer kurzen und vergnügten Reise kamen die Meinigen in die Heimat. Meinen alten Vater tötete beinahe die Freude des Wiedersehens; den anderen Tag nach ihrer Ankunft veranstaltete er ein großes Fest, an welchem die ganze Stadt teilnahm. Vor einer großen Versammlung von Verwandten und Freunden mußte mein Bruder seine Geschichte erzählen, und einstimmig priesen sie ihn und den edlen Räuber.
Als aber mein Bruder geschlossen hatte, stand mein Vater auf und führte Zoraide ihm zu. »So löse ich denn«, sprach er mit feierlicher Stimme, »den Fluch von deinem Haupte; nimm diese hin als die Belohnung, die du dir durch deinen rastlosen Eifer erkämpft hast; nimm meinen väterlichen Segen, und möge es nie unserer Stadt an Männern fehlen, die an brüderlicher Liebe, an Klugheit und Eifer dir gleichen!«
Die Karawane hatte das Ende der Wüste erreicht, und fröhlich begrüßten die Reisenden die grünen Matten und die dichtbelaubten Bäume, deren lieblichen Anblick sie viele Tage entbehrt hatten. In einem schönen Tale lag eine Karawanserei, die sie sich zum Nachtlager wählten, und obgleich sie wenig Bequemlichkeit und Erfrischung darbot, so war doch die ganze Gesellschaft heiterer und zutraulicher als je; denn der Gedanke, den Gefahren und Beschwerlichkeiten, die eine Reise durch die Wüste mit sich bringt, entronnen zu sein, hatte alle Herzen geöffnet und die Gemüter zu Scherz und Kurzweil gestimmt. Muley, der junge lustige Kaufmann, tanzte einen komischen Tanz und sang Lieder dazu, die selbst dem ernsten Griechen Zaleukos ein Lächeln entlockten. Aber nicht genug, daß er seine Gefährten durch Tanz und Spiel erheitert hatte, er gab ihnen auch noch die Geschichte zum besten, die er ihnen versprochen hatte, und hub, als er von seinen Luftsprüngen sich erholt hatte, also zu erzählen an: Die Geschichte von dem kleinen Muck.
Die rote Wolke
Es war einmal vor langer Zeit, da lebte eine Frau mit ihrem Sohn in einer kleinen Hütte. Als der Sohn das fünfzehnte Jahr erreichte, sagte die Mutter: „Mein Sohn, Du bist nun in dem Alter, wo Du Dir einen Meister suchen musst, um etwas Anständiges zu erlernen. Ich gebe Dir hier ein Säckchen, in das ich alle Groschen tat, die ich entbehren konnte. Zieh in die Welt hinaus, und sieh zu, dass Du es zu etwas bringst, damit Du Dein Leben nicht in Armut fristen musst.“ Da verabschiedete sich der Junge von seiner Mutter, die ihn schweren Herzens in die weite Welt entließ. Und so schlug er den Weg in die nächste Stadt ein. Nach einiger Zeit traf er auf einen armen alten Mann, der aus der Stadt kam. Der sagte zu ihm: „Geh‘ nicht in die Stadt. Die Stadt beherrscht ein böser Zauberer, und alle müssen ihm schwere Dienste leisten.“ Der Junge dankte dem Alten für seine Auskunft und weil der so arm aussah, schenkte er ihm einen Groschen. Daraufhin holte der Alte eine Pfeife hervor und sagte: „Wenn Du in Not bist, dann steck Dir die Pfeife an.“ Dann zogen die beiden ihrer Wege. Nach einiger Zeit erblickte der Junge von einem Hügel die Stadt, und über der Stadt schwebte eine rote Wolke. Als er an das Stadttor kam, fragte er den Wächter, was es mit der roten Wolke wohl auf sich hätte. Da sagte der Wächter:
„Die Stadt kann Dein Glück oder Unglück sein. Willst Du es wissen, so musst Du hinein.“
So betrat der Junge die Stadt. Da ging er zum Rathaus und fragte, bei wem man etwas Anständiges lernen könne. Da wurde ihm gesagt, dass der Pfeifenmachermeister einen Lehrling suche. Und so ging der Junge zum Pfeifenmachermeister und gab ihm sein ganzes Säckchen mit den Groschen als Lehrgeld, um das Handwerk zu erlernen. Nach einigen Jahren wurde der Junge ein rechter Pfeifenmachergeselle und auch bald ein Pfeifenmachermeister. Die ganze Zeit über aber schwebte die rote über der Stadt, und niemand wollte erzählen, was es damit auf sich hatte. Eines Tages nun sagte der alte Pfeifenmachermeister: „Ich bin recht alt und will mich aufs Altenteil setzen. Übernimm Du die Werkstatt.“ Da sagte der Junge aber zum Meister: „Ich übernehme Deine Werkstatt, aber nur, wenn Du mir alles über die rote Wolke erzählst!“ Zuerst zögerte der Alte, doch als der Junge nicht abließ, sagte er: „Niemand weiß etwas darüber, nur eines ist bekannt: Alles sieben Jahre verschwindet die rote Wolke für einen Tag und nach einem weiteren Tag kommt sie dann wieder. Die sieben Jahre sind aber Morgen vorüber.“ Da sagte der junge Pfeifenmachermeister: „Das will ich mir einmal näher ansehen.“ Am nächsten Tag zog die rote Wolke davon. Der junge Pfeifenmachermeister folgte aber der Wolke bis sie über der Spitze eines roten Berges verharrte. Da stieg er auf den Berg. Doch auf dem Berg wohnte ein böser Zauberer, der ganz alt und zerknittert aussah. Der böse Zauberer hielt seinen Kopf in die Wolke und atmete den Wolkendunst ein. „He, Zauberer, was machst Du da?“ fragte ihn nun der junge Pfeifenmachermeister. „Ich verschaffe mir Zeit.“ Sagte der böse Zauberer. „Ich habe einer ganzen Stadt die Zeit gestohlen. Alle hundert Jahre atme ich neue Zeit ein. Die Menschen in der Stadt denken, es seien sieben, aber in Wirklichkeit sind hundert Jahre vergangen, wenn die Wolke zu mir zieht. So kann ich mir die Unsterblichkeit bewahren, die mir mein Stiefbruder, der gute Zauberer gestohlen hat.“ Fügte der böse Zauberer noch hinzu. „Dann ist meine Mutter schon verstorben, weil Du die Zeit gestohlen hast?“ Fragte der junge Pfeifenmachermeister. „Das ist sie wohl. Und nun, da du alles weißt, wirst du auch gleich sterben müssen.“ Antwortete der Zauberer und wollte den jungen Pfeifenmacher packen. Da sagte dieser: „Gewähre mir noch einen letzten Wunsch: Ich bin Pfeifenmacher und möchte mir Dir ein Pfeifchen rauchen.“ Und er gab dem bösen Zauberer eine seiner selbst gefertigten Pfeifen, sich selbst steckte er aber die Pfeife an, die der alte Mann ihm vor langer Geschenkt hatte, bevor er in die Stadt gegangen war. Da erschien jener alte Mann groß wie ein Riese, atmete einmal ein und die rote Wolke verschwand in seien Lungen. Der böse Zauberer aber wurde mit einem Mal aschfahl und zerfiel zu Staub. Nun erzählte der alte Mann, dass er der gute Zauberer sei, nämlich der Stiefbruder des toten, bösen Zauberers. Dieser hatte aber durch lauter Untaten seine Unsterblichkeit eingebüßt. Um nicht Sterben zu müssen, hatte er mit der roten Wolke die Zeit gestohlen. Er selbst hatte den bösen Zauberer aber nur besiegen können, wenn jemand die Pfeife in dessen Gegenwart anzünden würde, so, wie es jetzt geschehen war. Nun gingen der junge Pfeifenmachermeister und der gute Zauberer zur Stadt zurück. Dort atmete der gute Zauberer die verlorene Zeit wieder aus, und alles war wieder, wie es sein sollte. Der junge Pfeifenmachermeister machte sich aber bald auf, seine Mutter zu besuchen, die ja nun wieder am Leben war. Unterwegs traf er den Nackten Bären und sagte: „Guten Tag, Nackter Bär. Na, viel zu tun?“ – „Ach Du, nö, nicht so viel. Kommt Zeit, kommt Rat.“ erwiderte der Nackte Bär. „Hm, na dann auf Wiedersehen.“ Sagte der junge Pfeifenmeister. „Wiedersehen.“ Sagte der Nackte Bär. Und so trennten sich ihre Wege wieder. Die Mutter freute sich dann aber sehr über den Besuch des Sohnes, aus dem nun ja was Anständiges geworden war. Und bald zog sie mit in die Stadt und lebte noch lange und wurde später auch noch eine angenehme Schwiegermutter.
Wilhelm Hauff - Die Geschichte von dem Gespensterschiff
Mein Vater hatte einen kleinen Laden in Balsora; er war weder arm noch reich und einer von jenen Leuten, die nicht gerne etwas wagen, aus Furcht, das Wenige zu verlieren, das sie haben. Er erzog mich schlicht und recht und brachte es bald so weit, daß ich ihm an die Hand gehen konnte. Gerade als ich achtzehn Jahre alt war, als er die erste größere Spekulation machte, starb er, wahrscheinlich aus Gram, tausend Goldstücke dem Meere anvertraut zu haben. Ich mußte ihn bald nachher wegen seines Todes glücklich preisen, denn wenige Wochen hernach lief die Nachricht ein, daß das Schiff, dem mein Vater seine Güter mitgegeben hatte, versunken sei. Meinen jugendlichen Mut konnte aber dieser Unfall nicht beugen. Ich machte alles vollends zu Geld, was mein Vater hinterlassen hatte, und zog aus, um in der Fremde mein Glück zu probieren, nur von einem alten Diener meines Vaters begleitet.
Im Hafen von Balsora schifften wir uns mit günstigem Winde ein. Das Schiff, auf dem ich mich eingemietet hatte, war nach Indien bestimmt. Wir waren schon fünfzehn Tage auf der gewöhnlichen Straße gefahren, als uns der Kapitän einen Sturm verkündete. Er machte ein bedenkliches Gesicht, denn es schien, er kenne in dieser Gegend das Fahrwasser nicht genug, um einem Sturm mit Ruhe begegnen zu können. Er ließ alle Segel einziehen, und wir trieben ganz langsam hin. Die Nacht war angebrochen, war hell und kalt, und der Kapitän glaubte schon, sich in den Anzeichen des Sturmes getäuscht zu haben. Auf einmal schwebte ein Schiff, das wir vorher nicht gesehen hatten, dicht an dem unsrigen vorbei. Wildes Jauchzen und Geschrei erscholl aus dem Verdeck herüber, worüber ich mich zu dieser angstvollen Stunde vor einem Sturm nicht wenig wunderte. Aber der Kapitän an meiner Seite wurde blaß wie der Tod. »Mein Schiff ist verloren«, rief er, »dort segelt der Tod!«
Ehe ich ihn noch über diesen sonderbaren Ausruf befragen konnte, stürzten schon heulend und schreiend die Matrosen herein. »Habt ihr ihn gesehen?« schrien sie. »Jetzt ist's mit uns vorbei!«
Der Kapitän aber ließ Trostsprüche aus dem Koran vorlesen und setzte sich selbst ans Steuerruder. Aber vergebens! Zusehends brauste der Sturm auf, und ehe eine Stunde verging, krachte das Schiff und blieb sitzen. Die Boote wurden ausgesetzt, und kaum hatten sich die letzten Matrosen gerettet, so versank das Schiff vor unseren Augen, und als ein Bettler fuhr ich in die See hinaus. Aber der Jammer hatte noch kein Ende. Fürchterlicher tobte der Sturm; das Boot war nicht mehr zu regieren. Ich hatte meinen alten Diener fest umschlungen, und wir versprachen uns, nie voneinander zu weichen. Endlich brach der Tag an. Aber mit dem ersten Anblick der Morgenröte faßte der Wind das Boot, in welchem wir saßen, und stürzte es um. Ich habe keinen meiner Schiffsleute mehr gesehen. Der Sturz hatte mich betäubt; und als ich aufwachte, befand ich mich in den Armen meines alten treuen Dieners, der sich auf das umgeschlagene Boot gerettet und mich nachgezogen hatte. Der Sturm hatte sich gelegt. Von unserem Schiff war nichts mehr zu sehen, wohl aber entdeckten wir nicht weit von uns ein anderes Schiff, auf das die Wellen uns hintrieben. Als wir näher hinzukamen, erkannte ich das Schiff als dasselbe, das in der Nacht an uns vorbeifuhr und welches den Kapitän so sehr in Schrecken gesetzt hatte. Ich empfand ein sonderbares Grauen vor diesem Schiffe . Die Äußerung des Kapitäns, die sich so furchtbar bestätigt hatte, das öde Aussehen des Schiffes, auf dem sich, so nahe wir auch herankamen, so laut wir schrien, niemand zeigte, erschreckten mich. Doch es war unser einziges Rettungsmittel; darum priesen wir den Propheten, der uns so wundervoll erhalten hatte.
Am Vorderteil des Schiffes hing ein langes Tau herab. Mit Händen und Füßen ruderten wir darauf zu, um es zu erfassen. Endlich glückte es. Noch einmal erhob ich meine Stimme, aber immer blieb es still auf dem Schiff. Da klimmten wir an dem Tau hinauf, ich als der Jüngste voran. Aber Entsetzen! Welches Schauspiel stellte sich meinem Auge dar, als ich das Verdeck betrat! Der Boden war mit Blut gerötet, zwanzig bis dreißig Leichname in türkischen Kleidern lagen auf dem Boden, am mittleren Mastbaum stand ein Mann, reich gekleidet, den Säbel in der Hand, aber das Gesicht war blaß und verzerrt, durch die Stirn ging ein großer Nagel, der ihn an den Mastbaum heftete, auch er war tot. Schrecken fesselte meine Schritte, ich wagte kaum zu atmen. Endlich war auch mein Begleiter heraufgekommen. Auch ihn überraschte der Anblick des Verdecks, das gar nichts Lebendiges, sondern nur so viele schreckliche Tote zeigte. Wir wagten es endlich, nachdem wir in der Seelenangst zum Propheten gefleht hatten, weiter vorzuschreiten. Bei jedem Schritte sahen wir uns um, ob nicht etwas Neues, noch Schrecklicheres sich darbiete; aber alles blieb, wie es war; weit und breit nichts Lebendiges als wir und das Weltmeer. Nicht einmal laut zu sprechen wagten wir, aus Furcht, der tote, am Mast angespießte Kapitano möchte seine starren Augen nach uns hindrehen oder einer der Getöteten möchte seinen Kopf umwenden. Endlich waren wir bis an eine Treppe gekommen, die in den Schiffsraum führte. Unwillkürlich machten wir dort halt und sahen einander an, denn keiner wagte es recht, seine Gedanken zu äußern.
»O Herr«, sprach mein treuer Diener, »hier ist etwas Schreckliches geschehen. Doch wenn auch das Schiff da unten voll Mörder steckt, so will ich mich ihnen doch lieber auf Gnade und Ungnade ergeben, als längere Zeit unter diesen Toten zubringen.« Ich dachte wie er; wir faßten uns ein Herz und stiegen voll Erwartung hinunter. Totenstille war aber auch hier, und nur unsere Schritte hallten auf der Treppe. Wir standen an der Türe der Kajüte. Ich legte mein Ohr an die Türe und lauschte; es war nichts zu hören. Ich machte auf. Das Gemach bot einen unordentlichen Anblick dar. Kleider, Waffen und andere Geräte lagen untereinander. Nichts in Ordnung. Die Mannschaft oder wenigstens der Kapitano mußten vor kurzem gezechet haben; denn es lag alles noch umher. Wir gingen weiter von Raum zu Raum, von Gemach zu Gemach, überall fanden wir herrliche Vorräte in Seide, Perlen, Zucker usw. Ich war vor Freude über diesen Anblick außer mir, denn da niemand auf dem Schiff war, glaubte ich, alles mir zueignen zu dürfen, Ibrahim aber machte mich aufmerksam darauf, daß wir wahrscheinlich noch sehr weit vom Lande seien, wohin wir allein und ohne menschliche Hilfe nicht kommen könnten.
Wir labten uns an den Speisen und Getränken, die wir in reichem Maß vorfanden, und stiegen endlich wieder aufs Verdeck. Aber hier schauderte uns immer die Haut ob dem schrecklichen Anblick der Leichen. Wir beschlossen, uns davon zu befreien und sie über Bord zu werfen; aber wie schauerlich ward uns zumut, als wir fanden, daß sich keiner aus seiner Lage bewegen ließ. Wie festgebannt lagen sie am Boden, und man hätte den Boden des Verdecks ausheben müssen, um sie zu entfernen, und dazu gebrach es uns an Werkzeugen. Auch der Kapitano ließ sich nicht von seinem Mast losmachen; nicht einmal seinen Säbel konnten wir der starren Hand entwinden. Wir brachten den Tag in trauriger Betrachtung unserer Lage zu, und als es Nacht zu werden anfing, erlaubte ich dem alten Ibrahim, sich schlafen zu legen, ich selbst aber wollte auf dem Verdeck wachen, um nach Rettung auszuspähen. Als aber der Mond heraufkam und ich nach den Gestirnen berechnete, daß es wohl um die elfte Stunde sei, überfiel mich ein so unwiderstehlicher Schlaf, daß ich unwillkürlich hinter ein Faß, das auf dem Verdeck stand, zurückfiel. Doch war es mehr Betäubung als Schlaf, denn ich hörte deutlich die See an der Seite des Schiffes anschlagen und die Segel vom Winde knarren und pfeifen. Auf einmal glaubte ich Stimmen und Männertritte auf dem Verdeck zu hören . Ich wollte mich aufrichten, um danach zu schauen. Aber eine unsichtbare Gewalt hielt meine Glieder gefesselt; nicht einmal die Augen konnte ich aufschlagen . Aber immer deutlicher wurden die Stimmen, es war mir, als wenn ein fröhliches Schiffsvolk auf dem Verdeck sich umhertriebe; mitunter glaubte ich, die kräftige Stimme eines Befehlenden zu hören, auch hörte ich Taue und Segel deutlich auf- und abziehen. Nach und nach aber schwanden mir die Sinne, ich verfiel in einen tieferen Schlaf, in dem ich nur noch ein Geräusch von Waffen zu hören glaubte, und erwachte erst, als die Sonne schon hoch stand und mir aufs Gesicht brannte. Verwundert schaute ich mich um, Sturm, Schiff, die Toten und was ich in dieser Nacht gehört hatte, kam mir wie ein Traum vor, aber als ich aufblickte, fand ich alles wie gestern. Unbeweglich lagen die Toten, unbeweglich war der Kapitano an den Mastbaum geheftet. Ich lachte über meinen Traum und stand auf, um meinen Alten zu suchen.
Dieser saß ganz nachdenklich in der Kajüte. »O Herr!« rief er aus, als ich zu ihm hineintrat, »ich wollte lieber im tiefsten Grund des Meeres liegen, als in diesem verhexten Schiff noch eine Nacht zubringen.« Ich fragte ihn nach der Ursache seines Kummers, und er antwortete mir: »Als ich einige Stunden geschlafen hatte, wachte ich auf und vernahm, wie man über meinem Haupt hin und her lief. Ich dachte zuerst, Ihr wäret es, aber es waren wenigstens zwanzig, die oben umherliefen; auch hörte ich rufen und schreien. Endlich kamen schwere Tritte die Treppe herab. Da wußte ich nichts mehr von mir, nur hie und da kehrte auf einige Augenblicke meine Besinnung zurück, und da sah ich dann denselben Mann, der oben am Mast angenagelt ist, an jenem Tisch dort sitzen, singend und trinkend; aber der, der in einem roten Scharlachkleid nicht weit von ihm am Boden liegt, saß neben ihm und half ihm trinken.« Also erzählte mir mein alter Diener.
Ihr könnt mir es glauben, meine Freunde, daß mir gar nicht wohl zumute war; denn es war keine Täuschung, ich hatte ja auch die Toten gar wohl gehört. In solcher Gesellschaft zu schiffen, war mir greulich. Mein Ibrahim aber versank wieder in tiefes Nachdenken. »Jetzt hab' ich's!« rief er endlich aus; es fiel ihm nämlich ein Sprüchlein ein, das ihn sein Großvater, ein erfahrener, weitgereister Mann, gelehrt hatte und das gegen jeden Geister- und Zauberspuk helfen sollte; auch behauptete er, jenen unnatürlichen Schlaf, der uns befiel, in der nächsten Nacht verhindern zu können, wenn wir nämlich recht eifrig Sprüche aus dem Koran beteten. Der Vorschlag des alten Mannes gefiel mir wohl. In banger Erwartung sahen wir die Nacht herankommen. Neben der Kajüte war ein kleines Kämmerchen, dorthin beschlossen wir uns zurückzuziehen. Wir bohrten mehrere Löcher in die Türe, hinlänglich groß, um durch sie die ganze Kajüte zu überschauen, dann verschlossen wir die Türe, so gut es ging, von innen, und Ibrahim schrieb den Namen des Propheten in alle vier Ecken. So erwarteten wir die Schrecken der Nacht. Es mochte wieder ungefähr elf Uhr sein, als es mich gewaltig zu schläfern anfing. Mein Gefährte riet mir daher, einige Sprüche des Korans zu beten, was mir auch half. Mit einem Male schien es oben lebhaft zu werden; die Taue knarrten, Schritte gingen über das Verdeck, und mehrere Stimmen waren deutlich zu unterscheiden - Mehrere Minuten hatten wir so in gespannter Erwartung gesessen, da hörten wir etwas die Treppe der Kajüte herabkommen. Als dies der Alte hörte, fing er an, den Spruch, den ihn sein Großvater gegen Spuk und Zauberei gelehrt hatte, herzusagen:
»Kommt ihr herab aus der Luft, Steigt ihr aus tiefem Meer, Schlieft ihr in dunkler Gruft, Stammt ihr vom Feuer her: Allah ist euer Herr und Meister, ihm sind gehorsam alle Geister.«
Ich muß gestehen, ich glaubte gar nicht recht an diesen Spruch, und mir stieg das Haar zu Berg, als die Tür aufflog. Herein trat jener große, stattliche Mann, den ich am Mastbaum angenagelt gesehen hatte. Der Nagel ging ihm auch jetzt mitten durchs Hirn; das Schwert aber hatte er in die Scheide gesteckt; hinter ihm trat noch ein anderer herein, weniger kostbar gekleidet; auch ihn hatte ich oben liegen sehen. Der Kapitano, denn dies war er unverkennbar, hatte ein bleiches Gesicht, einen großen, schwarzen Bart, wildrollende Augen, mit denen er sich im ganzen Gemach umsah. Ich konnte ihn ganz deutlich sehen, als er an unserer Türe vorüberging; er aber schien gar nicht auf die Türe zu achten, die uns verbarg. Beide setzten sich an den Tisch, der in der Mitte der Kajüte stand, und sprachen laut und fast schreiend miteinander in einer unbekannten Sprache. Sie wurden immer lauter und eifriger, bis endlich der Kapitano mit geballter Faust auf den Tisch hineinschlug, daß das Zimmer dröhnte. Mit wildem Gelächter sprang der andere auf und winkte dem Kapitano, ihm zu folgen. Dieser stand auf, riß seinen Säbel aus der Scheide, und beide verließen das Gemach. Wir atmeten freier, als sie weg waren; aber unsere Angst hatte noch lange kein Ende. Immer lauter und lauter ward es auf dem Verdeck. Man hörte eilends hin und her laufen und schreien, lachen und heulen. Endlich ging ein wahrhaft höllischer Lärm los, so daß wir glaubten, das Verdeck mit allen Segeln komme zu uns herab, Waffengeklirr und Geschrei - auf einmal aber tiefe Stille. Als wir es nach vielen Stunden wagten hinaufzugehen, trafen wir alles wie sonst; nicht einer lag anders als früher. Alle waren steif wie Holz.
So waren wir mehrere Tage auf dem Schiffe; es ging immer nach Osten, wohin zu, nach meiner Berechnung, Land liegen mußte; aber wenn es auch bei Tag viele Meilen zurückgelegt hatte, bei Nacht schien es immer wieder zurückzukehren, denn wir befanden uns immer wieder am nämlichen Fleck, wenn die Sonne aufging. Wir konnten uns dies nicht anders erklären, als daß die Toten jede Nacht mit vollem Winde zurücksegelten. Um nun dies zu verhüten, zogen wir, ehe es Nacht wurde, alle Segel ein und wandten dasselbe Mittel an wie bei der Türe in der Kajüte; wir schrieben den Namen des Propheten auf Pergament und auch das Sprüchlein des Großvaters dazu und banden es um die eingezogenen Segel. Ängstlich warteten wir in unserem Kämmerchen den Erfolg ab. Der Spuk schien diesmal noch ärger zu toben, aber siehe, am anderen Morgen waren die Segel noch aufgerollt, wie wir sie verlassen hatten. Wir spannten den Tag über nur so viele Segel auf, als nötig waren, das Schiff sanft fortzutreiben, und so legten wir in fünf Tagen eine gute Strecke zurück.
Endlich, am Morgen des sechsten Tages, entdeckten wir in geringer Ferne Land, und wir dankten Allah und seinem Propheten für unsere wunderbare Rettung. Diesen Tag und die folgende Nacht trieben wir an einer Küste hin, und am siebenten Morgen glaubten wir in geringer Entfernung eine Stadt zu entdecken; wir ließen mit vieler Mühe einen Anker in die See, der alsobald Grund faßte, setzten ein kleines Boot, das auf dem Verdeck stand, aus und ruderten mit aller Macht der Stadt zu. Nach einer halben Stunde liefen wir in einen Fluß ein, der sich in die See ergoß, und stiegen ans Ufer. Am Stadttor erkundigten wir uns, wie die Stadt heiße, und erfuhren, daß es eine indische Stadt sei, nicht weit von der Gegend, wohin ich zuerst zu schiffen willens war. Wir begaben uns in eine Karawanserei und erfrischten uns von unserer abenteuerlichen Reise. Ich forschte daselbst auch nach einem weisen und verständigen Manne, indem ich dem Wirt zu verstehen gab, daß ich einen solchen haben möchte, der sich ein wenig auf Zauberei verstehe. Er führte mich in eine abgelegene Straße, an ein unscheinbares Haus, pochte an, und man ließ mich eintreten mit der Weisung, ich solle nur nach Muley fragen.
In dem Hause kam mir ein altes Männlein mit grauem Bart und langer Nase entgegen und fragte nach meinem Begehr. Ich sagte ihm, ich suche den weisen Muley, und er antwortete mir, er sei es selbst. Ich fragte ihn nun um Rat, was ich mit den Toten machen solle und wie ich es angreifen müsse, um sie aus dem Schiff zu bringen. Er antwortete mir, die Leute des Schiffes seien wahrscheinlich wegen irgendeines Frevels auf das Meer verzaubert; er glaube, der Zauber werde sich lösen, wenn man sie ans Land bringe; dies könne aber nicht geschehen, als wenn man die Bretter, auf denen sie lägen, losmache. Mir gehöre von Gott und Rechts wegen das Schiff samt allen Gütern, weil ich es gleichsam gefunden habe; doch solle ich alles sehr geheimzuhalten trachten und ihm ein kleines Geschenk von meinem Überfluß machen; er wolle dafür mit seinen Sklaven mir behilflich sein, die Toten wegzuschaffen. Ich versprach, ihn reichlich zu belohnen, und wir machten uns mit fünf Sklaven, die mit Sägen und Beilen versehen waren, auf den Weg. Unterwegs konnte der Zauberer Muley unseren glücklichen Einfall, die Segel mit den Sprüchen des Korans zu umwinden, nicht genug loben. Er sagte, es sei dies das einzige Mittel gewesen, uns zu retten.
Es war noch ziemlich früh am Tage, als wir beim Schiff ankamen. Wir machten uns alle sogleich ans Werk, und in einer Stunde lagen schon vier in dem Nachen. Einige der Sklaven mußten sie an Land rudern, um sie dort zu verscharren. Sie erzählten, als sie zurückkamen, die Toten hätten ihnen die Mühe des Begrabens erspart, indem sie, sowie man sie auf die Erde gelegt habe, in Staub zerfallen seien. Wir fuhren fort, die Toten abzusägen, und bis vor Abend waren alle an Land gebracht. Es war endlich keiner mehr an Bord als der, welcher am Mast angenagelt war. Umsonst suchten wir den Nagel aus dem Holze zu ziehen, keine Gewalt vermochte ihn auch nur ein Haarbreit zu verrücken. ich wußte nicht, was anzufangen war; man konnte doch nicht den Mastbaum abhauen, um ihn ans Land zu führen. Doch aus dieser Verlegenheit half Muley. Er ließ schnell einen Sklaven an Land rudern, um einen Topf mit Erde zu bringen. Als dieser herbeigeholt war, sprach der Zauberer geheimnisvolle Worte darüber aus und schüttete die Erde auf das Haupt des Toten. Sogleich schlug dieser die Augen auf, holte tief Atem, und die Wunde des Nagels in seiner Stirne fing an zu bluten. Wir zogen den Nagel jetzt leicht heraus, und der Verwundete fiel einem Sklaven in die Arme.
»Wer hat mich hierhergeführt?« sprach er, nachdem er sich ein wenig erholt zu haben schien. Muley zeigte auf mich, und ich trat zu ihm. »Dank dir, unbekannter Fremdling, du hast mich von langen Qualen errettet. Seit fünfzig Jahren schifft mein Leib durch diese Wogen, und mein Geist war verdammt, jede Nacht in ihn zurückzukehren. Aber jetzt hat mein Haupt die Erde berührt, und ich kann versöhnt zu meinen Vätern gehen.«
Ich bat ihn, uns doch zu sagen, wie er zu diesem schrecklichen Zustand gekommen sei, und er sprach: »Vor fünfzig Jahren war ich ein mächtiger, angesehener Mann und wohnte in Algier; die Sucht nach Gewinn trieb mich, ein Schiff auszurüsten und Seeraub zu treiben. Ich hatte dieses Geschäft schon einige Zeit fortgeführt, da nahm ich einmal auf Zante einen Derwisch an Bord, der umsonst reisen wollte. Ich und meine Gesellen waren rohe Leute und achteten nicht auf die Heiligkeit des Mannes; vielmehr trieb ich mein Gespött mit ihm. Als er aber einst in heiligem Eifer mir meinen sündigen Lebenswandel verwiesen hatte, übermannte mich nachts in meiner Kajüte, als ich mit meinem Steuermann viel getrunken hatte, der Zorn. Wütend über das, was mir ein Derwisch gesagt hatte und was ich mir von keinem Sultan hätte sagen lassen, stürzte ich aufs Verdeck und stieß ihm meinen Dolch in die Brust. Sterbend verwünschte er mich und meine Mannschaft, nicht sterben und nicht leben zu können, bis wir unser Haupt auf die Erde legten. Der Derwisch starb, und wir warfen ihn in die See und verlachten seine Drohungen; aber noch in derselben Nacht erfüllten sich seine Worte. Ein Teil meiner Mannschaft empörte sich gegen mich - Mit fürchterlicher Wut wurde gestritten, bis meine Anhänger unterlagen und ich an den Mast genagelt wurde. Aber auch die Empörer erlagen ihren Wunden, und bald war mein Schiff nur ein großes Grab. Auch mir brachen die Augen, mein Atem hielt an, und ich meinte zu sterben. Aber es war nur eine Erstarrung, die mich gefesselt hielt; in der nächsten Nacht, zur nämlichen Stunde, da wir den Derwisch in die See geworfen, erwachten ich und alle meine Genossen, das Leben war zurückgekehrt, aber wir konnten nichts tun und sprechen, als was wir in jener Nacht gesprochen und getan hatten. So segeln wir seit fünfzig Jahren, können nicht leben, nicht sterben; denn wie konnten wir das Land erreichen? Mit toller Freude segelten wir allemal mit vollen Segeln in den Sturm, weil wir hofften, endlich an einer Klippe zu zerschellen und das müde Haupt auf dem Grund des Meeres zur Ruhe zu legen. Es ist uns nicht gelungen. Jetzt aber werde ich sterben. Noch einmal meinen Dank, unbekannter Retter, wenn Schätze dich lohnen können, so nimm mein Schiff als Zeichen meiner Dankbarkeit.«
Der Kapitano ließ sein Haupt sinken, als er so gesprochen hatte, und verschied. Sogleich zerfiel er auch, wie seine Gefährten, in Staub. Wir sammelten diesen in ein Kästchen und begruben ihn an Land; aus der Stadt nahm ich aber Arbeiter, die mir mein Schiff in guten Zustand setzten. Nachdem ich die Waren, die ich an Bord hatte, gegen andere mit großem Gewinn eingetauscht hatte, mietete ich Matrosen, beschenkte meinen Freund Muley reichlich und schiffte mich nach meinem Vaterlande ein. Ich machte aber einen Umweg, indem ich an vielen Inseln und Ländern landete und meine Waren zu Markt brachte. Der Prophet segnete mein Unternehmen. Nach dreiviertel Jahren lief ich, noch einmal so reich, als mich der sterbende Kapitän gemacht hatte, in Balsora ein. Meine Mitbürger waren erstaunt über meine Reichtümer und mein Glück und glaubten nicht anders, als daß ich das Diamantental des berühmten Reisenden Sindbad gefunden habe. Ich ließ sie in ihrem Glauben, von nun an aber mußten die jungen Leute von Balsora, wenn sie kaum achtzehn Jahre alt waren, in die Welt hinaus, um gleich mir ihr Glück zu machen. Ich aber lebte ruhig und in Frieden, und alle fünf Jahre mache ich eine Reise nach Mekka, um dem Herrn an heiliger Stätte für seinen Segen zu danken und für den Kapitano und seine Leute zu bitten, daß er sie in sein Paradies aufnehme.
Die Reise der Karawane war den anderen Tag ohne Hindernis fürder gegangen, und als man im Lagerplatz sich erholt hatte, begann Selim, der Fremde, zu Muley, dem jüngsten der Kaufleute, also zu sprechen:
»Ihr seid zwar der Jüngste von uns, doch seid Ihr immer fröhlich und wißt für uns gewiß irgendeinen guten Schwank. Tischet ihn auf, daß er uns erquicke nach der Hitze des Tages!«
»Wohl möchte ich euch etwas erzählen«, antwortete Muley, »das euch Spaß machen könnte, doch der Jugend ziemt Bescheidenheit in allen Dingen; darum müssen meine älteren Reisegefährten den Vorrang haben. Zaleukos ist immer so ernst und verschlossen, sollte er uns nicht erzählen, was sein Leben so ernst machte? Vielleicht, daß wir seinen Kummer, wenn er solchen hat, lindern können; denn gerne dienen wir dem Bruder, wenn er auch anderen Glaubens ist.«
Der Aufgerufene war ein griechischer Kaufmann, ein Mann in mittleren Jahren, schön und kräftig, aber sehr ernst. Ob er gleich ein Ungläubiger (nicht Muselmann) war, so liebten ihn doch seine Reisegefährten, denn er hatte durch sein ganzes Wesen Achtung und Zutrauen eingeflößt. Er hatte übrigens nur eine Hand, und einige seiner Gefährten vermuteten, daß vielleicht dieser Verlust ihn so ernst stimme.
Zaleukos antwortete auf die zutrauliche Frage Muleys: »Ich bin sehr geehrt durch euer Zutrauen; Kummer habe ich keinen, wenigstens keinen, von welchem ihr auch mit dem besten Willen mir helfen könntet. Doch weil Muley mir meinen Ernst vorzuwerfen scheint, so will ich euch einiges erzählen, was mich rechtfertigen soll, wenn ich ernster bin als andere Leute. Ihr sehet, daß ich meine linke Hand verloren habe. Sie fehlt mir nicht von Geburt an, sondern ich habe sie in den schrecklichsten Tagen meines Lebens eingebüßt. Ob ich die Schuld davon trage, ob ich unrecht habe, seit jenen Tagen ernster, als es meine Lage mit sich bringt, zu sein, möget ihr beurteilen, wenn ihr vernommen habt die Geschichte von der abgehauenen Hand.«
Richard von Volkmann-Leander - Der kleine Mohr und die Goldprinzessin
Es war einmal ein armer kleiner Mohr, der war kohlschwarz und nicht einmal ganz echt in der Farbe, so daß er abfärbte. Abends war sein Hemdkragen stets ganz schwarz, und wenn er seine Mutter anfaßte, sah man alle fünf Finger am Kleid. Deshalb wollte sie es auch nie leiden, sondern stieß und schuppte ihn stets fort, wenn er in ihre Nähe kam. Und bei den anderen Leuten ging es ihm noch schlimmer. Als er vierzehn Jahre alt geworden war, sagten seine Eltern, es sei höchste Zeit, daß er etwas lerne, womit er sich sein Brot verdienen könne. Da bat er sie, soe sollten ihn in die weite Welt hinausziehn und Musikant werden lassen; zu etwas anderem sei er doch nicht zu gebrauchen. Doch sein Vater meinte, das wäre eine brotlose Kunst, und die Mutter wurde gar ganz ärgerlich und erwiderte weiter nichts als: "Dummes Zeug, du kannst nur etwas Schwarzes werden!" Endlich kamen sie überein, er passe am besten zum Schornsteinfeger. Also brachten sie ihn zu einem Meister in die Lehre, und weil sie sich schämten, daß er ein Mohr war, so sagten sie, sie hätten ihn gleich schwarz gemacht, um zu sehen, wie es ihm stände. So war nun der kleine Mohr Schornsteinfeger und mußte tagaus, tagein in die Essen kriechen. Und die Essen waren oft so eng, daß er Angst hatte, er bliebe stecken. Doch er kam stets glücklich wieder auf dem Dache heraus, obschon es ihm oft so war, als wenn Haut und Haare hängenblieben. Wenn er dann hoch oben auf dem Schornstein saß, wieder Gottes freie Luft atmete und sich die Schwalben um den Kopf fliegen ließ, wurde ihm die Brust so weit, als sollte sie ihm zerspringen. Dann schwenkte er den Besen und rief so laut Ho-i-do! Ho-i-do! wie's die Schornsteinfeger zu tun pflegen, daß die Leute auf der Straße stehenblieben und sprachen: "Seht einmal den schwarzen Knirps, was der für eine Stimme hat!" Als er ausgelernt hatte, befahl ihm der Meister, er solle in seine Kammer gehen und sich waschen und ganz fein und nobl anziehen. Er wolle ihn freisprechen, dann wäre er Geselle. Da überkam den armen kleinen Mohr eine Todesangst, denn er sagte sich: "Nun wird alles herauskommen!" Und das geschah auch; denn als er in seinem besten Staate wieder in die Meisterstube eintrat, wo schon Lehrlinge und Gesellen sich versammelt hatten, war er immer noch sehr schwarz, wenn auch hier und da etwas Helles durchschimmerte, wo er sich das Schwarze in den Essen abgescheuert hatte. Da merkten alle mit Entsetzen, wie es mit ihm stand. Der Meister erklärte, Geselle könne er nun nicht werden, denn er sei ja nicht einmal ein ordentlicher Christenmensch; die Lehrjungen aber fielen über ihn her, zogen ihm die Kleider aus und trugen ihn in den Hof. Dort legten sie ihn trotz alles Sträubens unter die Plumpe, plumpten wacker darauf und rieben ihn mit Strohwisch und Sand, bis ihnen die Armre lahm wurden. Als sie endlich gewahr wurden, daß trotz aller Mühe gar wenig abging, stießen sie ihn unter Scheltworten zur Hoftüre hinaus. Da stand er nun mitten auf der Straße, hilflos und wie ihn der liebe Gott geschaffen, der arme kleine Mohr, und wußte nicht, was anfangen. Da kam durch Zufall ein Mann vorbei, der besah ihn sich von oben bis unten, und als er merkte, daß er ein Mohr war, sagte er, er sei ein vornehmer Herr und wolle ihn in seinen Dienst nehmen. Er solle nichts weiter zu tun bekommen, als hinten auf seinem Wagen stehen, wenn er mit seiner Frau spazierenführe, damit man gleich sähe, daß vornehme Leute kämen. Da besann sich der kleine Mohr nicht lange, sondern ging mit, und anfangs ging alles gut. Denn die Frau des vornehmen Mannes mochte ihn gut leiden, und wenn sie an ihm vorbeiging, streichelte sie ihn jedesmal. Das war ihm in seinem Leben noch nie begegnet. Eines Tages jedoch, da sie auch wieder spazierenfuhren und er hintendrauf stand, erhob sich ein furchtbares Unwetter, und der Regen floß in Strömen. Als sie wieder nach Hause kamen, sah der vornehme Herr, daß es hinten schwarz vom Wagen herabtröpfelte. Da fuhr er den kleinen Mohr barsch an, was das heißen solle. Der erschrak heftig, und weil ihm nichts Besseres einfiel, so antworteteer, die Wolken wären ganz schwarz gewesen, da hätte es gewiß auch schwarz geregnet. "Larifari", erwiderte der vornehme Herr, der schon merkte, woran's alg, nahm das Taschentuch, leckte zum Überfluß am Zipfel und fuhr damit dem kleinen Mohr über die Stirn. Da war der Zipfel schwarz. "Dacht' ich mir's doch gleich", rief er aus, "du bist ja nicht einmal echt! Das ist eine hübsche Entdeckung! Such dir einen anderen Dienst. Ich kann dich nicht gebrauchen!" Da packte der arme kleine Mohr weinend seine Siebensachen zusammen und wollte gehen. Doch die Frau des vornehmen Mannes rief ihn noch einmal zurück und sagte: es sei recht schade, daß ihr Mann es gemerkt hätte, denn sie wisse es schon lange. Freilich, ein großes Unglück sei es, ein Mohr zu sein, und besonders einer, der abfärbe. Doch er solle nicht verzagen, sondern brav und gut bleiben, dann würde [er] mit der Zeit noch ebenso weiß werden wie die andern Menschen. Darauf schenkte sie ihm eine Geige und einen Spiegel, in dem solle er sich jede Woche einmal besehen. So zog denn der kleine Mohr in die Welt hinaus und wurde Musikant. Einen Meister, der ihm vorspielte, hatte er freilich nicht. Doch er horchte auf das, was die Vögel sangen und was die Büsche und Bäche rauschten, und spielte es ihnen nach. Nachher ward er inne, daß die Blumen im Walde und die Sterne in der dunkeln Mitternacht auch ihre besondere Musik machten, wenn auch eine ganz stille, die nicht jedermann hörte. Das war schon viel schwerer nachzuspielen. Doch das Schwerste lernte er zu allerletzt: so zu spielen, wie die Menschenherzen pochen. Er war wohl schon sehr viel die Kreuz und die Quer umhergewandert und hatte vielerlei erlebt, ehe er das lernte. Und es ging ihm auf seiner Wanderschaft zuweilen gut, meistenteils aber schlecht. Wenn er abends in der Dunkelheit vor irgendeinem Hause haltmachte, ein schönes Lied spielte und um Herberge für die Nacht bat, ließen ihn die Leute wohl ein. Sahen sie aber am andern Morgen, wie schwarz er war und daß man nicht gut tat, sich mit ihm einzulassen, weil er abfärbte, so regnete es spitze Redensarten oder wohl gar Püffe. Deshalb verlor er aber den Mut nicht, sondern dachte an das, was die Frau des vornehmen Mannes zu ihm gesagt hatte, und fiedelte sich weiter von Stadt zu Stadt und von Land zu Land. Jeden Sonntag zog er den Spiegel hervor und sah nach, wieviel abgegangen war. Viel war's freilich nicht von einem Sonntag zum andern, denn es saß sehr fest, aber doch etwas: und als er fünf Jahre gewandert war, sah man überall die Grundfarbe durchschimmern. Gleichzeitig war er ein solcher Meister auf der Geige geworden, daß, wo er hinkam, jung und alt zusammenströmte, um ihm zuzuhören. – Eines Tages kam er in eine wildfremde Stadt, in der herrschte eine goldene Prinzessin; die hatte Haare von Gold und ein Gesicht von Gold und Hände und Füße von Gold. Sie aß mit einem goldenen Messer und einer goldenen Gabel von einem goldenen Teller, trank goldenen Wein und hatte goldene Kleider an. Kurz alles war golden, was an ihr und um sie war. Im übrigen war sie jedoch über die Maßen stolz und hochmütig, und obschon es ihre Untertanen wünschten, daß sie sich einen Prinzen zum Mann nähme, weil sie meinten, Weiberregiment tauge nichts auf die Dauer, war ihr doch keiner schön und vornehm genug. Jeden Morgen ließen sich etwa sechs Prinzen als Freier bei ihr melden, die abends zuvor mit der Post angekommen waren. Denn weit und breit sprach man von nichts als von der Goldprinzessin und von ihrer Schönheit. Die sechs Prinzen mußten sich dann der Reihe nach vor ihrem Throne aufstellen, und sie besah sich dieselben von allen Seiten. Zuletzt rümpfte sie jedoch jedesmal die Nase und sagte: "Der erste ist budlich,
Der zweite ist schmudlich,
Der dritt hat kein Haar,
Der viert ist nicht gar,
Der fünft ist perplex
Und miesrig der sechst!
Die Kur ist aus.
Jagt mir alle sechse zur Stadt hinaus!" Alsbald erschienen zwölf riesige Heiducken mit mannslangen Birkenreisern und trieben die ganze Gesellschaft zur Stadt hinaus. So ging es schon seit Jahren alle Tage. – Als der kleine Mohr vernahm, wie wunderschön die Prinzessin war, konnte er an weiter gar nichts denken. Er ging nach ihrem Palaste, setzte sich auf die Treppenstufen, nahm die Geige zur Hand und fing an, sein bestes Lied zu spielen. Vielleicht sieht sie zum Fenster heraus, dachte er, dann bekommst du sie zu sehen. Es währte nicht lange, so befahl die Goldprinzessin ihren drei Kammermädchen nachzusehen, wer draußen so schön spiele. Da brachten sie die Nachricht, es wäre ein Mensch, der habe eine so absonderliche Gesichtsfarbe, wie sie dergleichen noch nie gesehen. Und die eine behauptete, er sei mausgrau; die zweite, er sei hechtgrau, und die dritte gar, er wäre eselsgrau. Darauf meinte jene, das müsse sie selber sehen, sie sollten den Menschen heraufholen. Da gingen die Kammermädchen abermals hinunter und führten ihn herauf, und als er die Prinzessin erblickte, die wirklich über und über von Gold war und wie die Sonne glänzte, war er erst so geblendet, daß er die Augen zumachen mußte. Als er sich aber ein Herz faßte und die Prinzessin ordentlich ansah, da wußte er sich nicht weiter zu helfen; er warf sich vor ihr auf die Knie nieder und sagte: "Allerschönste Goldprinzessin! Ihr seid so schön, wie Ihr es gar nicht wißt! Und wenn Ihr es wißt, so seid Ihr noch hunderttausendmal schöner. Ich bin ein kleiner Mohr, der immer weißer wird; und das Lied, das ich gespielt habe, ist noch lange nicht mein allerschönstes. Einen Mann müßt Ihr durchaus haben; und wenn Ihr mich heiraten wollt, werde ich so vergnügt, daß ich mit gleichen Beinen über den Tisch springen will!" Als die Prinzessin dies hörte, machte sie zuerst ein Gesicht wie die Gänse, wenn's wetterleuchtet, denn übermäßig klug war sie gerade nicht, trotz aller ihrer Schönheit, und dann fing sie so laut zu lachen an, daß sie sich die Hüften mit den Händen halten mußte. Und die drei Kammermädchen meinten, sie müßten auch mitlachen, und auf einmal traten noch die zwölf Heiducken herein, und wie sie sahen, wer vor der Goldprinzessin kniete, schlugen auch sie ein Gelächter auf, daß es durch die ganze Stadt schallte. Da befiel den kleinen Mohr ein ungeheurer Schrecken, denn er merkte wohl, daß er etwas Dummes gesagt hatte. Er nahm seine Geige, riß die Tür auf und sprang mit drei Sätzen die Treppe hinab. Dann lief er, ohne sich umzusehen, durch die Straße, querfeldein bis in den nächsten Wald. Dort warf er sich todmüde ins Gras nieder und weinte, als wenn er fortschwimmen wollte. – Doch endlich ward er wieder ruhig und sagte zu sich selbst: Wenn der Kutscher betrunken ist, gehen die Pferde durch! Bist du klug oder bist du dumm? Die Goldprinzessin wolltest du heiraten? Ganz dumm bist du! Da darfst du dich nicht wundern, wenn die Leute dich auslachen. Damit hing er sich die Geige wieder über den Rücken, pfiff sich eins und wanderte weiter und zog wie zuvor von Stadt zu Stadt und von Land zu Land. Und von Jahr zu Jahr wurde er immer weißer, und die Leute gewannen ihn immer lieber, denn die Lieder, die er sich ausdachte, wurden immer schöner, und kein Mensch konnte sich mit ihm auf der Geige messen. Und als er groß und ein Mann geworden war, sah er ganz weiß aus, ja selbst weißer und reiner als die meisten andern Leuten. Niemand wollte glauben, daß er früher ein Mohr gewesen sei.– Es trug sich zu, daß er auch einmal in einen Flecken kam, wo gerade Jahrmarkt war. Da sah er eine Bude mit einem roten Vorhang, der war früher einmal neu gewesen, jetzt aber zerlumpt und voller Flecke. Davor stand ein wüster Gesell mit einer bunten Jacke, der stieß in die Trompete und rief, die Leute möchten doch eintreten, es wären die größten Wunder der Welt zu sehen: ein Kalb mit zwei Köpfen, das zweimal fräße und bloß einmal verdaute, ein Schwein, das die Karten legen und wahrsagen könnte, und die hochberühmte, wunderschöne Goldprinzessin, um die sich alle Männer gerissen hätten. "Das kann doch nicht deine Goldprinzessin sein?" sagte er, ging jedoch trotzdem hinein. Da war es ihm, als solle er vor Schreck in die Erde sinken; denn sie war es wirklich. Aber das Gold war fast überall ab, und er sah, daß sie nur von Blech war. "Heiliger Gott!" rief er aus, "wie kommst du hierher und wie siehst du aus?" "Was ist denn?" erwiderte sie, als wenn gar nichts wäre. Nachdem sie sich jedoch überlegt, daß er sie gewiß schon früher einmal gesehen, wie sie noch ganz golden war, fügte sie zornig hinzu: "Glaubst du etwa, daß man ewig hält, du alberner Laffe? Zupf dich an deiner eigenen Nase!" Da hätte er beinahe laut aufgelacht, denn er sah, daß sie ihn nicht erkannt. Doch sie tat ihm viel zu leid, und so fragte er nur leise, ob sie denn gar nicht wisse, wer er sei. Er wäre der kleine Mohr, den sie vorzeiten einmal so sehr ausgelacht hätte. Nun war die Reihe an ihr, ganz still zu werden und sich zu schämen, und unter vielem Schluchzen erzählte sie, wie erst an ein paar Stellen und dann fast überall das Gold heruntergegangen sei; wie sie das ihren Untertanen lange verborgen und wie diese es endlich doch gemerkt und sie fortgejagt hätten. Nun zöge sie auf den Jahrmärkten umher, habe es aber satt, und wenn er noch so dächte wie früher, wollte sie ihn gern heiraten. Darauf erwiderte er sehr ernsthaft, er bedaure sie zwar von Herzen, sei aber schon viel zu verständig, um eine Blechprinzessin zu heiraten. Er hoffe bestimmt, noch einmal eine viel bessere Frau zu bekommen wie sie. Damit ging er zur Bude hinaus und ließ die Blechprinzessin stehen, die vor Wut beinahe platzte und ihm, während er ging, fortwährend nachrief: "Mohrenjunge, Mohrenjunge! kohlschwarzer Mohrenjunge, der abfärbt!" und ähnliches. Doch niemand wußte, wen sie damit meinte, da er ja längst auch nicht ein Tüpfchen Schwarzes mehr an sich hatte. Er ging daher sittsam weiter, ohne sich auch nur umzusehen, und war froh, daß er in seinem Leben nie wieder etwas von der abscheulichen Person erfuhr. Eine Zeitlang setzte er noch sein altes Wanderleben fort; als er aber fast die ganze Welt gesehen hatte und anfing, des Umherziehens müde zu werden, da traf es sich, daß der König von seinem Spiel hörte und ihn rufen ließ. Ein Lied nach dem andern mußte er ihm bis in die späte Mitternacht vorspielen, und zuletzt stieg der König von seinem Thron, umarmte ihn und fragte, ob er sein bester Freund werden wolle. Als er dies bejahte, ließ ihn der König in seinem goldenen Wagen durch die Stadt fahren und schenkte ihm ein Haus und so viel Geld, daß er sein Lebtag daran genug hatte. Und eine Frau bekam er auch. Zwar keine Prinzessin und noch weniger eine über und über goldene, aber eine Frau, die ein goldenes Herz hatte. Mit der lebte er vergnügt und hochgeehrt bis an sein spätes Ende. Die Blechprinzessin aber ward von Tag zu Tag unscheinbarer, und als das letzte bißchen Gold abgegangen war, wurde sie so viel hin und her geworfen, daß sie lauter Buckel und Dellen bekam. Zuletzt kam sie zu einem Trödler. Dort steht sie noch heute in der Ecke zwischen allerhand Tand und Kram und hat Zeit zu bedenken, daß vielerlei abgeht im Leben, Hübsches wie Häßliches, und daß alles darauf ankommt, was drunter ist.